Bibliothekare 1543 – 1832

Caspar Borner war Begründer der Universitätsbibliothek nicht nur in einem formalen Sinn. Dass es dem Mathematiker und Astronomen gelang, die Bestände aufgelöster oder aufzulösender Klöster in eine Bibliotheksneugründung einzubringen, ist mit Recht als besondere Leistung gewürdigt worden. Borner begann die einheitliche Bestandsaufstellung, unabhängig von der Herkunft der einzelnen Bände, und versah diese nicht nur mit neuen Signaturschildern, sondern fing zugleich die Katalogisierung an – allesamt Tätigkeiten, denen nachfolgende Bibliothekare mit ganz unterschiedlicher Sorgfalt ebenfalls nachgingen.

Nach Borners Tod 1547 wurde die Bibliothek mehreren Magistern anvertraut, die nur dem Rektor rechenschaftspflichtig waren. In den 52 Jahren bis 1599 waren es sechs an der Zahl (Johannes Menzel, Donatus Zöllner, Lorenz Rülich, Petrus Lossius, Wolfgang Trübenbach und Andreas Hommel), die eine anfänglich recht rege Benutzung bewältigen mussten und verschiedene Kataloge der nach Fakultäten aufgestellten Bücher vorantrieben.

Mit dem Rhetoriker Johann Friedrich (1563 – 1629) übernahm ab 1599 ein Professor der Universität das Amt des Bibliotheksleiters, was bis 1832 Praxis blieb, jedoch nirgends als Regel formuliert wurde. Eine Anordnung des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen forderte 1616 lediglich die permanente Besetzung des Postens. So wurde in Leipzig die Leitung der Universitätsbibliothek im Nebenamt ausgeübt, wobei nicht selten die anfallende Arbeit von Kustoden – häufig im Professorenrang – und anderen angestellten Gehilfen erledigt wurde.

Von Friedrich sind Katalogisierungsbemühungen bekannt, seine Nachfolger, der Logiker Heinrich Höpfner (1582 – 1642, Leiter ab 1630) und der Physiker Johann Ittig (1607 – 1676, Leiter ab 1642), dagegen haben keine bibliothekarischen Spuren hinterlassen, ebenso wenig wie Friedrich Rappolt (1615 – 1676) oder Christian Friedrich Franckenstein (1621 – 1679) als Vertreter des kranken Ittig ab 1670.

Der nach Borner zweite wichtige Professorenbibliothekar war der Poetikprofessor Joachim Feller (1628 – 1691), der von 1675 an die Universitätsbibliothek leitete und entscheidend umstrukturierte. Feller brachte die Bestände des Fürstenkollegs und der Philosophischen Fakultät in die Universitätsbibliothek ein, beseitigte die Pulte, an denen die Bücher mit Ketten befestigt waren, ließ die Ketten verkaufen, brachte die Bücher in verschließbaren Schränken unter und etablierte eine neue Aufstellung, in der die Handschriften erstmals von den Drucken getrennt wurden. Für die Handschriften schrieb und veröffentlichte Feller einen Katalog.

Auf Feller folgten 1691 der Mathematiker Christoph Pfautz (1645 – 1711), über den wenig bekannt ist, und dann ab 1711 der Theologe Christian Friedrich Börner (1683 – 1753), unter dem die Universitätsbibliothek wöchentlich zweimal zwei Stunden geöffnet wurde. Eine solche Öffnungszeit war nach 1543 bereits vorgesehen gewesen, wohl aber nicht aufrechterhalten worden; 1711 kam der erneute Impuls zur Öffnung von der konkurrierenden Leipziger Ratsbibliothek, die Benutzer zuzulassen begann.

Börner baute ins Innere der Paulina einen regelrechten Arbeitsraum mit Tischen und Stühlen an den Fenstern und rückte dafür die Bücher in die Mitte des Saals rund um die Säulen: So entstand ein "Lesezimmer" im Magazin, komplett mit erhöhtem Stuhl für die Aufsicht. Außerdem beschäftigte er Mitarbeiter, die vollständige Sachkataloge für alle vier Fakultäten verfassten und damit Arbeitsgrundlagen bis ins 19. Jahrhundert schufen.

Auf Börner, der 1738 sein Amt wegen Überlastung niederlegte, folgte der Professor für Moral und Politik Georg Friedrich Richter (1691 – 1772) und ab 1742 der Historiker Christian Gottlieb Jöcher (1694 – 1758). Wie fast alle seine Vorgänger begann dieser mit einer Revision der Bestände und Rückforderung der ausgeliehenen Exemplare, um effektive Verluste – die es regelmäßig gab – zu protokollieren. Unter Jöcher wurde die Ordnung der Bücheraufstellung verbessert und die Katalogisierung mit einem alphabetischen Katalog der Druckschriften von nahezu 1.000 Seiten 1751 abgeschlossen.

Nachfolger von Jöcher war der Poetikprofessor Karl Andreas Bel (1717 – 1782), der sich als amtierender Rektor selbst für den Posten des Bibliotheksleiters vorschlug. Unregelmäßigkeiten in der Abrechnung führten 1782 dazu, dass ihm der Bibliotheksschlüssel verweigert wurde. Unmittelbar darauf nahm sich Bel das Leben. Sein Nachfolger war der Philologe Friedrich Wilhelm Reiz (1733 – 1790), gefolgt 1790 vom Philologen Christian Daniel Beck (1757 – 1832).

Diese durch wissenschaftliche Arbeiten stark eingespannten Professorenbibliothekare überließen den laufenden Betrieb meist den Kustoden. In Leipzig half es auch nichts, dass man ab 1817 einen zusätzlichen Universitätsbibliothekar in der Person des Philosophen Gottfried Heinrich Schäfer (1764 – 1840) anstellte. Über Schäfer verlautbarte Kustode Wendt: "was er aber eigentlich auf der Bibliothek thut, [...] das weiß ich selbst noch nicht." Übrigens arbeitete unter Beck Friedrich Adolf Ebert, der später aufgrund seiner Veröffentlichungen und seiner Arbeit in Wolfenbüttel und Dresden als "bester Bibliothekar seiner Zeit" gerühmt wurde.

Für die erste Periode in Leipzig gilt, was mit Blick auf alle deutschen Universitätsbibliotheken festgestellt wurde: sie waren "weit davon entfernt, Spezialbibliotheken für Forschung und Unterricht der Professoren und Studenten zu sein". Auch die Leipziger Bibliothek war in der Krise, und mehrere Gutachten der Fakultäten forderten mehr Dienstleistungen ein: genauere Kataloge, aktuellere Bestände. Bibliothekar Beck verlangte seinerseits Mittel zur Durchführung einer Revision, während eine universitäre Kommission die Verwaltung ändern wollte und das "Ministerium des Cultus und öffentlichen Unterrichts" in Dresden Berichte einklagte.

Erreicht wurde, dass ab dem 1. April 1832 die Universitätsbibliothek viermal wöchentlich zu drei Stunden öffnete – ein guter Durchschnitt im 19. Jahrhundert. Im darauf folgenden Jahr wurde eine Bibliotheksordnung erlassen, welche die Universitätsbibliothek in ein enges und kontrolliertes Verhältnis zur Universität zwang und ihre Leitung zugleich professionell gestaltete: Der Professorenbibliothekar verschwand, und eine neue Periode begann.