Zweite Periode (1833 – 1932), Erwerbung

Die Universitätsbibliothek Leipzig wurde von Anfang an sowohl von Professoren als auch von Studierenden benutzt, selbst wenn sich Belege für entsprechende Aktivitäten nicht immer erhalten haben. Allerdings weiß man mit Ausnahme einzelner, eher anekdotenhaften Geschichten wenig über die effektive Nutzung. Beispielsweise sind Leihvorgänge nur ganz sporadisch dokumentiert. Aus Verwaltungsakten und diversen Schreiben wird klar, dass die Benutzung bis ins 19. Jahrhundert hinein aus drei wesentlichen Gründen schwach blieb: die Bestände umfassten wenig aktuelle Literatur, sie waren kaum durch umfassende Kataloge recherchierbar und die Aufstellung der Bücher förderte ihre Benutzbarkeit vor Ort nicht. In allen Punkten vollzog sich nach 1833 eine radikale Wandlung, die innerhalb weniger Jahrzehnte dazu führte, dass die Universitätsbibliothek Leipzig zu einem der größten Institute ihrer Art in Deutschland wurde.

Das Bestandswachstum während des 19. Jahrhunderts war ganz erstaunlich. Zählte die Universitätsbibliothek Leipzig zu Anfang des Jahrhunderts noch zum Mittelfeld der deutschen Bibliotheken – sie war kleiner als die Universitätsbibliotheken in Ingolstadt, Freiburg i. Br., Erlangen, Altdorf, Frankfurt a. d. O., Basel, Greifswald und selbst kleiner als die Ratsbibliothek in Leipzig und manche private Sammlung dort –, so hatte sie am Ende des Jahrhunderts deutschlandweit eine Spitzenstellung inne. Zwei wesentliche Faktoren waren für diese rasche Vermehrung verantwortlich: zahlreiche Schenkungen bzw. Käufe ganzer Bibliotheken und ein regelmäßiger Erwerbungsetat.

Das Bestandswachstum durch Schenkungen und Käufe wurde im 19. Jahrhundert entscheidend und erweiterte den Literaturbestand auf vielen Sachgebieten. Beispiele für die nicht abreißenden Aufnahmen wissenschaftlicher Literatur sind im Bereich des Rechts die Übernahme der Bibliothek des Leipziger Schöppenstuhls (1835, 5.000 Bände) und die Sammlung juristischer Dissertationen des Stadtrats P. Leplay 1850, im Bereich Botanik die Sammlungen der Naturforschenden Gesellschaft in Leipzig (1851), des Botanikprofessors Gustav Kunze (1851, 2.400 Bände) und des Gutsbesitzer und Sammlers Rudolf Benno von Römer (1871, wertvolle Drucke 16.-19. Jahrhundert). Mathematik und Astronomie wurden verstärkt durch die Bücher von Johann Jakob von Uckermann (1836, 7.800 Bände), Orientalia und Theologie durch die Privatsammlungen der Universitätsprofessoren Ernst Friedrich Rosenmüller (1840, 2.500 Bände) und Konstantin Tischendorf (1845, Handschriften des orientalischen und griechischen Kulturraums) sowie des berühmte Orientalisten Joseph von Hammer-Purgstall (1857, 9.700 Bände). Das jedoch sind alles nur Beispiele.

In den meisten Fällen setzten sich Wissenschaftler und Bibliothekare aktiv dafür ein, bestimmte wertvolle Sammlungen und Stücke nach Leipzig zu holen. So sind auch die berühmten Preziosen in die Universitätsbibliothek gelangt, wie etwa der Codex Sinaiticus (1843), die Sammlung Refaiya (1853), der Papyrus Ebers (1873), Salomon Hirzels Goethe-Sammlung (1877) und die Autographensammlung von Georg Kestner (1892). Auch institutionelle Verbundenheit führte zum Bestandswachstum, wenn beispielsweise ehemalige Bibliothekare wie Beck ihre Sammlungen hinterließen (1835, 18.000 Bände). Am Ende des Jahrhunderts war es manchen sogar eine Ehre, der Bibliotheca Albertina Bücher anzutragen; beispielsweise nahmen viele Verleger das Universitätsjubiläum 1909 zum Anlass, ihre Produktion der Universitätsbibliothek zu offerieren – nachdem frühere Selbstverpflichtungen nicht durchgehalten worden waren.

Die Geschichte der Eingliederung wissenschaftlicher Spezialbestände und damit auch der bedeutenden rückwärtigen Erweiterung der an der Universitätsbibliothek zur Verfügung stehenden Literatur muss in allen einzelnen Etappen noch genauer beschrieben werden, unbestreitbar aber spiegelt sich in der Qualität des kulturhistorischen Materials – das übrigens neben Papyri, Pergamentund Papierhandschriften auch Münzen, Ostraka und Bildnisse umfasste – der hohe Rang der Leipziger Universität und ihrer Wissenschaftler. Diese wiederum legten als akademische Lehrer Wert auf weitgehende Aktualität der Literaturversorgung in allen Fächern, wofür der Erwerbungsetat verwendet wurde, den die Universitätsbibliothek ab 1821 zunächst in der Höhe von 400 Talern vom Ministerium verlässlich zugewiesen bekam.

Der Etat steigerte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts. So erwarb die Universitätsbibliothek Leipzig in den 1830er und 1840er Jahren durchschnittlich 2.260 Bände pro Jahr, in der zweiten Jahrhunderthälfte waren es im Schnitt 10.460. Damit nahm Leipzig die erste Stelle unter den deutschen Universitätsbibliotheken ein, vor den Bibliotheken in Heidelberg, Göttingen, München, Tübingen und Bonn. Genaue Zahlen lassen sich nur schwer eindeutig nennen, weil oft die Summen unterschiedliche Kosten abdeckten. So waren in den 3.000 Talern, die in Leipzig um 1850 zur Verfügung standen, Ausgaben für Einband (400 Taler), Katalogpapier (300 Taler) und Heizung (150 Taler) mitenthalten. Am Ende des 19. Jahrhunderts aber war Leipzig, wie die Erwerbungszahlen verraten, überdurchschnittlich gut ausgestattet. Während der Etat der deutschen Universitätsbibliotheken 1893 durchschnittlich 21.500 Mark betrug, lag er in Leipzig bei knapp 40.000 Mark; im Jahre 1908 lag der Durchschnitt bei 32.300 Mark, in Leipzig bei über 60.000 Mark. Damit konnten auf allen Wissensgebieten die meisten neuen Titel erworben und viele wichtige Zeitschriften gehalten werden.

In den Bestand wurden 1930 als Dauerleihgaben auch die Bibliotheken der beiden Leipziger Hauptkirchen, St. Thomas und St. Nikolai, übernommen. (Unter den Büchern der Thomaskirche wurde 2006 ein Fragment der niederdeutschen "Heliand"-Dichtung aus dem 9. Jahrhundert entdeckt: Es hatte als Einband eines im frühen 17. Jahrhundert gebundenen Logik-Traktats Verwendung gefunden. Die Entdeckung zeigt, wie wichtig der Einsatz kundiger Bibliothekare für die Pflege des Altbestands ist.)

Bibliotheca Albertina ca. 1910
Berühmte Erwerbung des 19. Jahrhunderts: Der Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert
Berühmte Erwerbung des 19. Jahrhunderts: Der Codex Sinaiticus aus dem 4. Jahrhundert
Papyrus Ebers, erworben 1873
Papyrus Ebers, erworben 1873