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Plakat zur Ausstellung "Das kann doch kein Schwein lesen...!" Schriften Europas im Mittelalter
Plakat zur Ausstellung "Das kann doch kein Schwein lesen...!" Schriften Europas im Mittelalter

Laufzeit

27.10.–06.12.2015

Realisierung

Kuratoren: Studierende der Universität Leipzig in Zusammenarbeit mit StiL
Plakat: Oliver Sommer

Ansprechpartner

Öffentlichkeitsarbeit
Mail: oeffentlichkeitsarbeit@ub.uni-leipzig.de
Tel.: +49 341-97 30565

"Das kann doch kein Schwein lesen...!" Schriften Europas im Mittelalter

Kaum eine Epoche der Schriftgeschichte ist durch eine solche Vielfalt gekennzeichnet wie die des Mittelalters, wie die Entwicklung von der noch spätantiken Unziale, über die langlebige und wirkmächtige karolingische Minuskel bis hin zu den gotischen Schriften des Hoch- und Spätmittelalters bezeugt. Anhand von Handschriftenfragmenten aus der Universitätsbibliothek Leipzig werden nun ausgewählte Etappen der mittelalterlichen Schriftgeschichte präsentiert.

Die Universitätsbibliothek ermöglichte Studierenden der Universität Leipzig, Konzeption und als auch konkrete Umsetzung der vorliegenden Ausstellung mit der Unterstützung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Handschriftenzentrums zu erarbeiten. Ihre Grundlagen wurden im Rahmen eines Seminars zur Paläographie des Mittelalters und der Frühen Neuzeit im Sommersemester 2015 unter der Leitung von Ivonne Kornemann M.A. als Vertreterin der „Leipziger Sammlungsinitiative“ (StiL) geschaffen. Als interdisziplinäre Projektgruppe hat es sich StiL zur Aufgabe gemacht, Objekte aus verschiedenen Sammlungsbeständen der Universität Leipzig in den akademischen Lehrbetrieb zu integrieren.

Die Ausstellung ist bis zum 6. Dezember 2015 täglich von 10–18 Uhr geöffnet.

Der Eintritt ist frei.

Downloads zur Ausstellung: 

Exponat 1: Fragm. lat. 430-1

Das erste Exponat dieser Ausstellung, Fragm. lat. 430-1, war Teil einer theologischen Sammelhandschrift, die in der zweiten Hälfte des 7. Jh. oder zu Beginn des 8. Jh. entstand und damit das älteste Schriftzeugnis innerhalb der Fragmentsammlung der Universitätsbibliothek Leipzig darstellt. Bei der hier verwendeten Schrift handelt es sich um eine späte Unziale.

In der Ausstellung ist die erste Seite der vier jeweils einspaltig beschriebenen Buchseiten zu sehen. Die Größe des Pergaments entspricht einem Quartformat (205 x 272 mm). Da der Trägerband nicht mehr bekannt ist, lässt sich auch nicht mehr genau rekonstruieren, welche Verwendung das Fragment darin fand. Die ersten beiden Seiten enthalten den Brief des Jakobus (Iac 3,8–4,7); die letzten den Brief des Johannes (I Io 1,1–2,5); beide sind in lateinischer Sprache abgefasst.

Die Unziale ist eine Majuskelschrift, deren runde und kräftige Buchstaben sofort ins Auge fallen. Die markantesten Buchstaben sind das runde D und M. Die Ausprägung solcher Formen ist erst durch den Wechsel von Papyrus zum Pergament und vom Schreibrohr zur Schreibfeder im 4. Jh. möglich geworden. Die meisten Buchstaben gehen auf die Capitalis Quadrata (v. a. bekannt durch die Vielzahl an monumentalen Inschriften aus der Antike) bzw. Capitalis Rustica zurück, die übrigen entstammen einer Kalligraphisierung römischer Kursivschriften. Die Unziale wirkt gedrungen, da die Ober- und Unterlängen (im vorliegenden Beispiel gut nachzuvollziehen bei den Buchstaben h, L, P und q) nur geringfügig die Grund- und die Oberlinie des Zweilinienschemas der Majuskel überschreiten. Die Buchstaben sind deutlich voneinander abgegrenzt, obwohl noch keine Worttrennung erfolgte. Die Kürzung von M und N war nur am Zeilenende üblich. Insgesamt wurden nur wenige Abkürzungen gebraucht. Verwendung fand die Unziale bis ins 8. Jh. vor allem in christlichen Texten, über das 8. Jh. hinaus war sie als Auszeichnungsschrift, beispielsweise für Überschriften, in Gebrauch.

Ein Blick auf das Schriftbild von Fragm. lat. 430-1 offenbart einige Elemente, die dafür sprechen hier eine sehr späte Form der Unziale anzunehmen: Der typische Majuskelcharakter der Unziale schwindet, das Zweilinienschema wird von den Ober- und Unterlängen der Buchstaben F, h, L, P und Q/q deutlich durchbrochen, es gibt vergrößerte Buchstaben an den Versanfängen (besonders deutlich non Z. 6; numquid Z. 9; nolite Z. 17), eine regelmäßige (aber noch keine vollständige) Worttrennung, sowie eine Interpunktion durch Kommata, Punkte und Absatzzeichen. Durch die sehr dicht aneinandergereihten Buchstaben wird der Eindruck einer Minuskelschrift verstärkt. Auch wenn man einzelne Buchstaben betrachtet, finden sich Merkmale modernerer Formen: e verfügt über ein Köpfchen, U und N über serifenartige Anstriche. Der erste Schaft des M ist, anders als in früheren Unzialen, rund und nach innen gebogen (maladicemus Z. 3; num Z. 7).

Neben den moderneren Formen begegnen allerdings auch Buchstaben, die weiterhin den klassischen Buchstabenformen der Unziale entsprechen: so die Proportionen des R (mortifero Z. 2) oder der unten nicht geschlossene und sehr gerade und schmal gehaltene Bogen des P (in ipsa Z. 2) und der verkürzte untere Bogen des G (gloriari Z. 17). Zu erwähnen sind hier noch die eigentümlichen Formen von B und T (habetis et contencionis Z. 16). Bei habetis ist T in für uns auch heute noch üblicher Form geschrieben, während bei et und contencionis die vom Schreiber vornehmlich verwendete Form vorhanden ist: ein Bogen bzw. Einkerbung verbindet das linke Ende des T-Balken mit den Schaft des T in mittlerer Höhe. Neben den klassischen Kürzungen der "Nomina sacra", wie dominus (dm = dominum Z. 2), deus (di = dei Z. 4) und auch frater (frs = fratres Z. 6), finden sich ebenso Auslassungen von M am Wort- und Zeilenende, die durch einen geschwungenen Kürzungsstrich (similitudine[m] Z. 4) angezeigt werden.

Sebastian Gensicke

Verwendete Literatur:

  • Bischoff, Bernhard, Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters,, Berlin 1979.
  • Földes-Papp, Károly, Vom Felsbild zum Alphabet, die Geschichte der Schrift von ihren frühesten Vorstufen bis zur modernen lateinischen Schreibschrift, Stuttgart 1984.
  • Foerster, Hans, Abriss der lateinischen Paläographie, Stuttgart 1963.
  • Kirchner, Joachim, Scriptura latina libraria : a saeculo primo usque ad finem medii aevi, Monachii 1970.
  • Mackert, Christoph, Zur Fragmentsammlung der Leipziger Universitätsbibliothek, in: Das Buch in Antike, Mittelalter und Neuzeit. Sonderbestände der Universitätsbibliothek Leipzig, hg. von Thomas Fuchs, Christoph Mackert und Reinhold Scholl, Wiesbaden 2012, S. 91–120.

Exponat 2: Fragm. lat. 170

Fragm. lat. 170, das in seiner Gesamtheit 170 x 318 mm misst, fällt besonders durch seine Form auf, die an einen Kamm oder aber auch an ein E mit mehreren Mittelbalken erinnert. Diese außergewöhnliche Gestalt kommt dadurch zustande, dass das Schriftstück als Einbandmakulatur verwendet und als solche am Buchrücken (direkt zwischen dem Bruch der Lagen und dem Einbandleder) angebracht wurde. Um eine möglichst große Passgenauigkeit zu erreichen, wurden wegen der Bünde, die am Rücken im Vergleich zu den Lagen leicht hervorstanden, einzelne Streifen aus dem Blatt herausgeschnitten. 2006 wurde das Fragment aus dem Trägerband Allg.Enz.6 ausgelöst.

Beim Beschreibstoff des Exponats handelt es sich um Pergament. Das Fragment ist in lateinischer Sprache verfasst und enthält Auslegungen und Traktate über das Johannes-Evangelium von Augustinus Hipponensis (‚In Iohannis evangelium tractatus‘ 2, 10).

Die hier vorliegende Schriftart wird als frühkarolingische Minuskel bezeichnet und kann in die erste Hälfte des 9. Jh. datiert werden. Die frühkarolingische Minuskel unterscheidet sich bereits stark von der ihr chronologisch vorangehenden Unziale/Halbunziale (6.–8. Jh.), verwendet aber immer noch einige gemeinsame Buchstabenformen. So taucht im Textbeispiel das Minuskel-n innerhalb eines Wortes auf, das Majuskel-N, das in der Halbunziale durchgehend genutzt wird, findet sich noch an Wortanfängen. Zum kontrastierenden Vergleich betrachte man Exponat 1 (Fragm. lat. 430-1). Des Weiteren begegnet noch das aus der Halbunziale ererbte z-förmige g (Z. 1 qui male egerunt), das aber bereits neben dem modernen g mit rundem, geschlossenem g-Bogen (Z. 1 facit ergo aliquid) steht. Eine ganz eigene Charakteristik, die die karolingische Minuskel während der gesamten vier Jahrhunderte ihrer Verwendung – vom 8./9 bis zum 12. Jh. – nicht verliert, besteht in der Verwendung von fast durchgängig gerundeten Buchstabenformen. Zudem sind die Buchstaben deutlich voneinander abgehoben bzw. getrennt voneinander geschrieben, womit optisch eine Betonung der Horizontalen innerhalb der Mittelzone entsteht.

Die Einordnung des Schriftbeispiels als frühkarolingische Minuskel und damit in die erste Hälfte des 9. Jh. erfolgt anhand folgender Merkmale: Eine Worttrennung ist bereits erkennbar, auch wenn sie noch nicht konsequent angewendet worden ist, wie besonders gut in Zeile 1 facit ergo und Zeile 15 iam ergo sicut homo zu sehen ist. Dies ist ein deutlicher Unterschied zu Exponat 4 (Fragm. lat. 441), in dem die karolingische Minuskel entwickelter ist und wo eine Trennung der Wörter vollständig vollzogen wurde. Die Oberlängen von h, l und b sind leicht keulenförmig verdickt (Z. 2 hominis; Z. 21 illud; Z. 3 substancia), die Unterlängen von f und s enden dagegen dolchartig (Z. 14 patris; Z. 15 ficit). Wichtigster Anhaltspunkt für eine Datierung in die erste Jahrhunderthälfte ist Minuskel a. Denn neben modernem geschlossenen a mit schrägem Schaft (Z. cum ageretur) ist hier noch altes cc-a in Gebrauch (Z. 3 substantia, quia omne; Z. 20 quia filius; Z. 22 quia ueniet) – so bezeichnet, da es aussieht wie zwei kleine zusammengeschobene c. Dieses cc-a kann durch seine Form einige Probleme für die Transkription bedeuten, weil es sich kaum vom einfachen c (bzw. Doppel-c) absetzt und damit oftmals nur durch den Zusammenhang erschlossen werden kann.

Kerstin Hülsmann

Verwendete Literatur:

  • Beck, Friedrich / Beck, Lorenz Friedrich, Die lateinische Schrift. Schriftzeugnisse aus dem deutschen Sprachgebiet vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln / Weimar / Wien 2007.
  • Bischoff, Bernhard, Paläographie des römischen Altertums und des abendländischen Mittelalters, Berlin 1986.
  • Foerster, Hans / Frenz, Thomas, Abriss der lateinischen Paläographie, Stuttgart 2004.

Exponat 3: Urk. 1

Bei dem vorliegenden Exponat 3 (Urk. 1) handelt es sich um ein feierliches Privileg des Papstes Honorius III. (1216–1227) aus dem Jahre 1223/24 (19. August), in welchem er dem Stift Sankt Gereon zu Köln dessen umfangreiche Besitzungen bestätigt und es unter seinen Schutz stellt. Abgefasst wurde das Diplom auf großformatigem Pergament.
Die äußere Form der Urkunde wird durch die typische Dreiteilung in Protokoll, Kontext und Eschatokoll bestimmt.

Die verwendete Schrift wird als kuriale Minuskel, oder auch als päpstliche Minuskel bezeichnet. Ihren Ursprung hat sie in der römischen Kuriale (9./10. Jh.), die wiederum auf die ältere römische Kursivschrift (5.–10. Jh.) zurückzuführen ist. In einem länger andauernden Prozess (Ende 10. Jh.–Anfang 12. Jh.) verdrängte die kuriale Minuskel die römische Kuriale. Erst unter Papst Honorius II. (1124–1130) wurde die päpstliche Minuskel in Anlehnung an die diplomatische Minuskel der Kaiserurkunden als feste Urkundenschrift etabliert.

Allgemein ist die kuriale Minuskel durch kleine Buchstaben mit deutlichen nach rechts geneigten Oberlängen und nach links deutenden Unterlängen zu charakterisieren.

Typisch für Urkunden ist die erste Zeile mit der Elongata, einer Auszeichnungsschrift. In ihr sind die Schäfte der einzelnen Buchstaben derartig stark gelängt, dass der Eindruck einer Block- oder Gitterschrift entsteht. Die äußeren Schriftmerkmale des Haupttexts werden besonders durch die peitschenartigen Verzierungen der Oberlängen von s und f (Z. 2 poscentibus; differenda) sowie durch die auffälligen Ligaturen von st und ct (Z. 2 iniusta; effectus) bestimmt. Diese Ligaturen bestehen aus einem Balken mit einer Brechung in deren Mitte. Der Text weist große Wortabstände auf. Satzanfänge werden durch Versalien, die zum Teil verziert sind (Z. 3 eapropter; Z. 5 statuentes), gekennzeichnet. Charakteristische Buchstaben sind zum einen das a, das offen und dessen Schaft über den unteren Bogen hinweg nach links gezogen ist, zum anderen das d mit seiner auffallend runden Form und dem nach links geneigten oberen Bogenabschnitt, der an seinem Ende nach rechts umgebogen ist. Es treten weder ae (Z. 11 hec statt haec) noch das geschwänzte e (e-caudata) auf. Der Bogen des h reicht weit unter die Mittellinie (Z. 3 hominum). Bei doppel-i werden beide Schäfte mit einem Strich versehen, wobei der zweite Schaft unter die Mittelzone hinaus verlängert und nach links umgebogen wird (Z. 4 filii). Einfaches i ist nicht gekennzeichnet. Weitere charakteristische Buchstaben finden sich in m und n (Z. 3 pravorum; regimen). Beide besitzen einen unter die Mittelzeile verlängerten, nach links umgebogenen letzten Schaft. Das Ende des t-Schafts ist nach rechts umgebogen. Das s weist als Schluss-s einen verlängerten oberen Bogen auf, der zuweilen ganz leicht über die Mittelzone hinausragt und nach rechts gebogen schwungvoll endet (Z. 2 nullus). Innerhalb eines Wortes tritt das lange s mit seinen peitschenartigen Verlängerungen am oberen Ende auf (Z. 3 assumpti).

Maximilian Schwarzkopf  / Georg Rudek

Verwendete Literatur:

  • Bresslau, Harry, Handbuch der Urkundenlehre für Deutschland und Italien, 1. Abteilung, 3. Aufl., Berlin 1958.
  • Frenz, Thomas, Papsturkunden des Mittelalters und der Neuzeit, Stuttgart 2000.
  • Rabikauskas, Paul, Die römische Kuriale in der päpstlichen Kanzlei, Rom 1958.
  • Steffens, Franz, Lateinische Paläographie. 125 Tafeln in Lichtdruck mit gegenüberstehender Transkription nebst Erläuterungen und einer systematischen Darstellung der Entwicklung der Schrift, 2. vermehrte Aufl., Trier 1909.
  • Vogtherr, Thomas, Urkundenlehre, Hannover 2008.

Exponat 4: Fragm. lat. 441

Bei dem Fragment mit der Signatur Fragm. lat. 441, welches paläographisch in das frühe 12. Jh. datiert werden kann, handelt es sich um eine Abschrift der sogenannten Biblia Vulgata. Es ist beidseitig beschrieben und beinhaltet die zehn Gebote, auch Dekalog genannt, aus dem fünften Buch Mose des Alten Testaments (Dt 5,8–5,22) sowie auf der Rückseite einige Zeilen des darauf folgenden Kapitels (Dt 5,33–6,13). Wie zu sehen ist, wurde ein Teil des ursprünglich zweispaltigen Einzelblatts abgeschnitten, sodass nur noch die äußere Spalte des Textblocks in der Breite vollständig erhalten ist. Das auffällige Loch im Pergament muss hingegen von Beginn an vorhanden gewesen sein, da der Text um das Loch herum geschrieben wurde.

Bei der verwendeten Schrift handelt es sich um eine karolingische Minuskel, eine kalligraphisch geformte Buchschrift, die als Ergebnis der Reformen Karls des Großen (768–814) anzusehen ist und über vier Jahrhunderte, vom 8./9. bis zum 12. Jh. als Buchschrift in Gebrauch war. Im Früh- und Hochmittelalter waren vor allem die Skriptorien der Klöster und Stifte Zentren der Schriftlichkeit. Viele von ihnen haben einen individuellen Schreib- bzw. Schriftstil entwickelt, welcher es Handschriftenexperten ermöglicht, eine regionale Einordnung von Schriftzeugnissen in karolingischer Minuskel vorzunehmen.
Im Verlauf des 12. Jh. drangen von Westen her Gotisierungstendenzen wie Brechung der Schäfte, Stauchung und Komprimierung der Buchstaben in der Mittelzone vor, beeinflussten und veränderten das Schriftbild der karolingischen Minuskel.

Allgemeines Merkmal der karolingischen Minuskel ist ihre gute Lesbarkeit, die durch klare Trennung und breite Lagerung der Buchstaben innerhalb der Mittelzone erreicht wird. Ihre Buchstabenformen sind rundlich und kommen ohne Brechungen aus. Es herrscht ein ausgewogenes und harmonisches Schriftbild vor, das nicht zuletzt durch eine gleichbleibend breite Strichbreite der Buchstaben hervorgerufen wird.

Signifikante Buchstaben der zweiten Phase der karolingischen Minuskel (10.–11./12. Jh.) sind das geschlossene a (z. B. milia Z. 6) anstelle des in der frühkarolingischen Minuskel verwendeten cc-a, wie es im Exponat 2 (Fragm. lat. 170) begegnet. Das d mit aufrechtem Schaft (z. B. diem Z. 20), das g mit annähernd geschlossenem Bogen (z. B. ego Z. 2) sowie das e-caudata (geschwänztes e; quę, hęc Z. 29) lassen sich ebenfalls als Datierungsmerkmale für das 12. Jh. anführen. Auch weisen die Schaftenden zuweilen bereits kleine „Füße“ (leicht nach rechts umgebogene Schaftenden) auf.
So wie in heutigen Texten Abkürzungen vorkommen, nutzen auch die Schreiber des Mittelalters sogenannte Abbreviaturen. Typische Kürzungen, die auch im folgenden Fragment begegnen sind beispielsweise: Z. 2 ego eni(m) su(m) d(omi)n(u)s d(eu)s tuus (denn ich bin der Herr, dein Gott). Ihre Verwendung ermöglicht eine deutlich kompaktere Abschrift des Texts, setzt aber auch voraus, dass der Leser mit diesem vertraut ist.

Franziska Link

Verwendete Literatur:

  • Beck, Friedrich / Beck, Lorenz Friedrich, Die lateinische Schrift. Schriftzeugnisse aus dem deutschen Sprach-gebiet vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Köln / Weimar / Wien 2007.

Exponat 5: Fragm. lat. 153

Bei dem Fragment mit der Signatur Fragm. lat. 153 handelt es sich, wie auch bei Exponat 8 (Deutsche Fragmente 77a), um einen medizinischen Text, der sich jedoch nicht sicher identifizieren lässt. Eventuell besteht ein Zusammenhang zum Werk des Alexander Trallianus ‚De arte medica’. Das Doppelblatt aus dünnem Pergament fand wie andere Fragmente der Kabinettausstellung als Einbandmakulatur Verwendung. Die auf der Rückseite vorhandenen Klebespuren lassen vermuten, dass eine Seite des Doppelblatts als Spiegelbeklebung verwendet wurde, während das andere vermutlich als „fliegendes Blatt“ zwischen Deckel und Buchblock diente. Für diesen Zweck wurde es beschnitten, weshalb Textverlust zu verzeichnen ist. Der Trägerband dieses Fragments ist nicht zu ermitteln, da es nicht, wie beispielsweise Exponat 2 (Fragm. lat. 170), aus einem Band der Universitätsbibliothek stammt. Recherchen im Zuge der Ausstellung haben ergeben, dass Curt Seidel, ein Leipziger Antiquar, dieses Stück der UB Leipzig im Jahre 1931 schenkte.

Dem Betrachter dürfte beim ersten Blick auf das Exponat besonders die Buchmalerei ins Auge fallen: Gerade bei Fragmenten ist eine solche Ausstattung eher selten anzutreffen. So ist Fragm. lat. 153 auch das einzige Stück der Ausstellung, das nennenswerten Buchschmuck aufweist.

Besonders ragt die T-Initiale des Wortes tussis hervor: Es handelt sich bei ihr um eine Tierinitiale, die vor ein gerahmtes Feld gesetzt ist. Ein Drache bildet mit seinem Körper den Bogen des runden T. Sein Schwanz läuft in einer Spiralranke mit Blattbesatz aus und füllt damit das Binnenfeld der Initiale, deren Grund mit Blattgold versehen ist. Die Initiale sticht vor allem durch ihre Farbigkeit (blaugraue und violette Deckfarben) hervor, die sich vom restlichen rot-blauen Buchschmuck des Fragments abhebt. Dieser rot-blaue Schmuck wird vor allem durch lineares mit der Feder gezeichnetes, filigranes Ornament gebildet, dem sogenannten Fleuronné. Erste Formen des Fleuronné sind ab dem 12. Jh. in Frankreich zu greifen. In diesem Exponat begegnet das Fleuronné in Form eines Fleuronné-Stabs am unteren Rand, der von einer stilisierten Maske ausgeht. Er verläuft in Serpentinen und das Motiv enthält mittig ein Fantasietier. Die Farbgestaltung findet sich auch in abwechselnd roten und blauen Lombarden wieder.

Der Text selbst ist in einer Textualis geschrieben. Kennzeichnend für diese Schriftart – wie auch für alle gotischen Buchschriften, die zwischen dem 13. und 15. Jh. verwendet wurden – sind konstruierte und an Schäften und Bögen (um)gebrochene Buchstaben. Hier hebt sie sich klar von der ihr vorausgehenden karolingischen Minuskel ab, die gerundete Buchstabenformen aufwies. Der Grad und die Intensität der Brechungen kann variieren.

Die Frühphase der gotischen Schrift, in die auch Fragm. lat. 153 fällt, arbeitet mit sogenannten einfachen Brechungen. So zeigt das Exponat beispielsweise Brechungen der Buchstaben o, d und b. Die Schäfte von i, t und l knicken wiederum (einfach) nach links um, wenn sie auf die Zeile treffen. Das runde r, welches in einer späteren Phase der Textualis nach beliebigen Buchstaben erscheinen kann, tritt in diesem Fragment nur nach o auf (z. B. calorem Sp. 3, Z. 1). Ein charakteristisches Merkmal für gotische Schriften ist weiterhin der deutlich unter die Zeile verlängerte Bogen des h, z. B. in phisicis (Sp. 2, Z. 3). Er wird jedoch vom Schreiber nicht konsequent verwendet, was darauf hinweist, dass hier noch keine voll entwickelte und hochstilisierte Form der Textualis vorliegt, wie sie beispielsweise im 14. Jh. zu erwarten wäre. Bogenverbindungen, ein weiteres Merkmal gotischer Schriften, befinden sich ebenfalls in diesem Text meist noch in einer Art Anfangsstadium, in der die Bögen der Buchstaben einander zwar berühren, aber sich noch nicht miteinander verbinden, wie beispielsweise bei dando (Sp. 1, Z. 3).

Die Kombination von Merkmalen des Buchschmucks und der Schrift legen eine Entstehung des Fragments im zweiten Drittel des 13. Jh. in Italien nahe.

Maxi Stolze

Verwendete Literatur:

  • Jakobi-Mirwald, Christine, Buchmalerei. Terminologie der Kunstgeschichte, 3. Aufl., Berlin 2008.
  • Freundliche Auskunft von Cordula Reuß (UB Leipzig).

Exponat 6: Fragm. lat. 443-2

Exponat Nr. 6 (Fragm. lat. 443-2) verkörpert die repräsentative Abschrift einer Ablassurkunde, welche von Papst Bonifaz IX. (1389–1404) auf Bitten Markgraf Wilhelms I. von Meißen (1343–1407) im Jahr 1393 ausgestellt wurde. Anlässlich des Jubeljahres 1390 sollte demnach ihm, seinen Brüdern sowie den Bewohnern der wettinischen Lande unter bestimmten Bedingungen voller Ablass zuteilwerden.

Das hier vorliegende Fragment stellt nur einen kleinen Teil des ursprünglichen Dokuments dar, welches wahrscheinlich als großformatiges, einseitig beschriebenes Blatt an einem öffentlichen Ort aushing. Die UB Leipzig verwahrt noch ein weiteres Fragment derselben Abschrift (Fragm. lat. 443-1). Das Dokument wurde im Nachhinein ohne Rücksicht auf den Text beschnitten, sodass die Buchstaben auf der linken Seite nur noch unvollständig oder überhaupt nicht zu erkennen sind. Diese Tatsache, Leimflecke sowie Lederreste auf der Rückseite sind Indizien dafür, dass dieses Fragment als Spiegelbeklebung in einem Buch mit Ledereinband Verwendung gefunden hat. Das Pergament weist mehrere kleine Rostflecken sowie vereinzelt Wurmfraß auf. Am oberen Rand ist es umgeknickt und im Inneren des Knicks ein Papierstreifen aufgeklebt, der Teile der Schrift bedeckt.

Das Schriftstück ist in gotischer Buchschrift, genauer gesagt in einer Textura (auf mittlerem kalligraphischen Niveau), abgefasst. Bei der Textura, auch Textualis formata genannt, bemüht sich der Schreiber um eine überindividuelle, allgemein gültige und völlig gleichmäßige Schrift. Standard sind hier die doppelte Brechung (zum Beispiel beim o), die Gleichgestaltung der Schäfte und Bogenverbindungen sowie das Unterscheiden von breiten Schaftstrichen und dünnen Haarstrichen (zum Beispiel beim a). Da diese Schrift so sorgfältig ausgeführt wird, ist das Schreiben auch besonders zeitaufwendig, sodass die Textura vor allem für repräsentative oder inhaltlich bedeutende Texte wie Bibeln, lateinische Liturgica oder für frühe Rechtsbücher – wie den Sachsenspiegel – Verwendung fand. Eine einfachere Form der gotischen Buchschrift ist die Textualis, die am häufigsten verbreitete Schrift jener Zeit, wie sie in Exponat 5 (Fragm. lat. 153) begegnet. Der Umstand, dass für die Abschrift der Ablassurkunde eine Textura verwendet wurde, unterstreicht den Anspruch auf Repräsentativität des Auftraggebers.

Merkmale der einzelnen Buchstaben in der Textura sind die Streckung und Aufrichtung aller Schäfte. So werden die Buchstaben enger und kantiger als in der karolingischen Minuskel, was z. B. aus dem bis dahin runden o ein ovales o werden lässt (u. a. Z. 2 oraciones, dicendo, loco). Die Oberlängen werden spachtelförmig verstärkt. Obwohl es sich um eine Minuskelschrift handelt, sind die Ober- und Unterlängen kaum ausgebildet und reichen nicht sehr weit über oder unter die Mittelzone hinaus. Das doppelstöckige a ist Leitbuchstabe der Textura des 14. Jh. (u. a. Z. 11 iuxta, earum). Auch i-Striche kommen in dieser Schriftepoche vor. Sie werden zunächst nur verwendet, um eine besseren Unterscheidung bei Doppel-i zu ermöglichen, oder aber wenn ein i in Verbindung mit n, m oder u steht. Allerdings verbreiten sich die i-Striche zügig, begegnen später als i-Punkte und sind heute nicht mehr wegzudenken.

In der Textura des Schriftbeispiels begegnet (nun) allerdings (noch) nicht das hochstilisierte und starre Erscheinungsbild der Textura des 15. Jh. Es fehlen beispielsweise die sogenannten Quadrangel (Umbrechungen der Schäfte, die wie auf die Spitze gestellten Rhomben erscheinen) und die extreme Zusammenrückung der Schäfte, die eine Unterscheidung der Buchstaben nur noch schwer möglich macht. Ebenso finden sich Bogenverbindungen nur bei den Verbindungen de (Z. 1 commode; Z. 4 concedendi) und do (Z. 2 dicendo), bei dem der Bogen des d mit dem Bogen des e bzw. o verschmilzt.
Eine et-Kürzung, die an eine arabische 7 erinnert und die das bis dahin häufig verwendetes & ablöst, ist mehrfach zu sehen (Z. 4).

Jessica Sobanski / Angie-Sophia Richter

Verwendete Literatur:

  • Codex diplomaticus Saxoniae regiae, Hauptteil II, Bd. 2: Urkundenbuch des Hochstifts Meißen, Bd. 2: 1357–1423, hg. von E. G. Gersdorf, Leipzig 1865, Nr. 729.
  • Freundliche Auskunft von Prof. Dr. Enno Bünz (Universität Leipzig, Lehrstuhl für Sächsische Landesgeschichte) hinsichtlich der landesgeschichtlichen Bezüge.

Exponat 7: Deutsche Fragmente 63

Bei Exponat Nr. 7 (Deutsche Fragmente 63) handelt es sich um eine Pergamenturkunde aus dem sächsischen Zisterzienserkloster Altzelle, ausgestellt am 19. Januar 1376 vom Abt des Klosters. Die Urkunde, in der eine Handwerksordnung für die Wollenweber der Stadt Roßwein festgesetzt wird, wurde vermutlich als Spiegelbeklebung an der Innenseite der Buchdeckel eines neu herzustellenden Buchs eingesetzt. So zeugt der Beschnitt am linken Rand von der Weiterverarbeitung der Archivalie. Sein späterer Trägerband lässt sich leider nicht mehr ermitteln, da das Fragment ohne Dokumentation seines Objektzusammenhanges ausgelöst und der Fragmentsammlung zugeführt wurde.

Die Schrift der Urkunde repräsentiert einen Vertreter der sogenannten jüngeren gotischen Kursive, die sich seit dem letzten Viertel des 14. Jh. herausbildete und die ältere gotische Kursive allmählich ablöste. Erste Ansätze kursiven Schreibens drangen jedoch bereits in der zweiten Hälfte des 13. Jh. ins Urkunden- und Kanzleischriftwesen vor. Ein grundlegendes Unterscheidungsmerkmal dieser neuen Schrift – gegenüber Textualis und Textura als gotische Buchschriften – ist die Schleifenbildung an den Oberlängen der Buchstaben b, d, k, l und h. Diese Veränderung in der Gestaltung der Buchstabenformen ergibt sich durch zügigeres Schreiben, bei dem die Feder weniger häufig abgesetzt wird. Erstmals mit der jüngeren gotischen Kursive kommt auch die Bildung von Schleifen beim anlautenden v und w als Minuskelbuchstaben auf (Beginn Z. 3 sullen gen vor dy; Ende Z. 4 czu wirkyn), hier unter anderem bei dem Wort „und“, welches prinzipiell mit v statt u geschrieben wird, erkennbar (z. B. Z. 11). Insbesondere das w ist als einer der kennzeichnenden Buchstaben des hier vorliegenden Schriftzeugnisses anzusehen. Insgesamt werden die Buchstaben weit über das Mittelband hinausgezogen und bilden deutliche Oberlängen, wie etwa bei den Wörtern weyn (Mitte Z. 3) und wynachte(n) (Z. 9 von unten, linke Hälfte) demonstrieren. Daneben werden die Schäfte von s und f wieder unter die Zeile verlängert. Im Gegensatz zu Textualis und früheren Ansätzen von kursiven Schriften (ältere gotische Kursive) ist das doppelstöckige a nunmehr vollkommen verschwunden, was mit der Tendenz zur Vereinfachung verbunden ist. Von nun an findet man nur noch einfaches, einstöckiges a (z. B. sente Fabiani und Sebastiani tag, Z. 3 von unten). Als charakteristisch für die jüngere gotische Kursive sind zudem die offenen, weiter unter die Zeile nach links ausgezogenen Unterbögen beim g (Z. 3 dy burger) anzusehen sowie die rechts unter die Zeile umgebogenen Abschlüsse von h, z, m und n am Wortende, wie in willewerkiz daz recht (Z. 2) und den vier grosschen (Z. 7).

Gegenüber der Kursive von Exponat 8 (Deutsches Fragment 77a) bildet die jüngere gotische Kursive in diesem Urkundenfragment ein viel höheres kalligraphisches Niveau ab, indem sie nicht durchgehend kursive Merkmale besitzt, sondern teilweise noch Elemente der Textualis aufweist. So findet sich eine Vielzahl von Beispielen für immer noch differenzierte, aus einzelnen Federzügen zusammengesetzte Buchstaben, wie etwa aufrechtes r (Z. 2 daz recht), k (z. B. hantwerk willewerkiz am Beginn von Z. 2) sowie m und n. Darüber hinaus wird der Zusammenhang zwischen Textualis und der jüngeren gotischen Kursive anhand der häufig auftretenden Buchstaben- bzw. Bogenverbindungen deutlich, zu sehen etwa bei d und a bei daz stet (Z. 10) oder bei d und e in den sal (Z. 3, linke Hälfte), sowie bei rundem r nicht nur nach o, sondern nach verschiedenen beliebigen Buchstaben (Z. 1 brife, Z. 3 der). Das Vorkommen von Merkmalen beider Schriften signalisiert die zunehmende Annäherung und gegenseitige Beeinflussung von Buch- und Urkundenschriften seit dem 14. Jahrhundert.

Angie-Sophia Richter

Verwendete Literatur:

  • Beyer, Eduard, Das Cistercienser-Stift und Kloster Alt-Zelle in dem Bisthum Meißen: geschichtliche Darstellung seines Wirkens im Innern und nach Außen, nebst den Auszügen der einschlagenden hauptsächlich bei dem Hauptstaatsarchive zu Dresden befindlichen Urkunden, Dresden 1885, Nr. 448, S. 627.
  • Heinemeyer, Walter, Studien zur Geschichte der gotischen Urkundenschrift (Archiv für Diplomatik, Beiheft 4), Köln/Wien 1982.
  • Schneider, Karin, Gotische Schriften in deutscher Sprache II,1, Die oberdeutschen Schriften von 1300 bis 1350, Textband, Wiesbaden 2009.
  • Dies., Gotische Schriften in deutscher Sprache II,2, Die oberdeutschen Schriften von 1300 bis 1350, Tafelband, Wiesbaden 2009.

Exponat 8: Deutsche Fragmente 77a

Das Fragment Deutsche Fragmente 77a enthält auf der vorderen Seite drei medizinische Rezepte für die Behandlung der Pest im 15. Jh. Es wurde aus dem Trägerband mit der Signatur Symb.160l herausgelöst, wo es vermutlich als Beklebung für einen der beiden Spiegel Verwendung fand. Dafür sprechen vor allem die Leimspuren auf der Rückseite des Fragments. Das Blatt mit den Maßen 267 x 122 mm ist einspaltig beschrieben. Obwohl es für seine Verwendung als Einbandmakulatur beschnitten wurde, ist kaum Textverlust zu verzeichnen.

Die Pestrezepte sind auf der Vorderseite teils auf Deutsch, jedoch zu einem Großteil auf Latein verfasst. Die Schreibsprache der deutschen Abschnitte ist ostmitteldeutsch, was an Formen wie doruff, dormit, worcze oder ubir zu erkennen ist. Auf der Rückseite des Fragments befindet sich folgender Schreibervermerk: per magistrum Johannem Wolkinsteyn.

Bei der Schrift, in der die Pestrezepte geschrieben sind, handelt es sich um eine Kursive des 15. Jh. Allgemein zeichnet sich dieser Schrifttyp dadurch aus, dass die Worte in einem Zug geschrieben wurden, d. h. die Buchstaben nicht mehr wohlgetrennt beieinander stehen, sondern verbunden sind. Im Gegensatz zur Textura (Exponat 6) verschwindet in den Kursiven die Unterscheidung zwischen den breiten Strichen der Schäfte und den dünnen Haarstrichen zunehmend. Ebenfalls typisch für diese kursiven Schriften sind die unter die Zeile verlängerten Schäfte von langem s und f, die sich durch schnelleres Schreiben ergeben, so zu sehen in Zeile 2 bei den Wörtern uff und bissen. Ein weiteres Merkmal der Kursive stellen die Schleifen an den Oberlängen von d, b, h, l und k dar, die in diesem Fragment bei rocken brot (Z. 1) oder schussel und dor (Z. 2) klar zu erkennen sind. Weiterhin bedingt das zügige Schreiben, dass die Buchstaben m und n hier zickzack-förmig geschrieben werden, z. B. bei morgens (Z. 4) oder cleyn (Z. 5). Das zweistöckige a der Textura weicht zugunsten des schneller zu schreibenden einfachen, einstöckigen a. Als Beispiel sind die Wörter das (Z. 2) oder nacht (Z. 3) zu nennen. Die schnelle, aber dennoch um Sorgfalt bemühte Schrift dieses Fragments verdeutlicht die Verwendung der Kursive als Gebrauchsschrift, die keinem einheitlichen Standard mehr folgt. Das spiegelt sich auch darin wider, dass andere Kursiven dieser Zeit noch eiliger ausgeführt wurden, was das Lesen (heutzutage) erheblich erschwert.

Obwohl der Beschreibstoff des Fragments Papier ist, lässt es sich nicht genauer datieren, da der vorhandene Ausschnitt kein Wasserzeichen aufweist, welches eine präzisere Datierung ermöglichen könnte. Der paläographische Befund spricht jedoch für die Entstehung im 2. Viertel des 15. Jh. Charakteristisch für diese Zeit ist das brezelförmige Schluss-s in gews (Z. 2) oder morgens (Z. 7), das hier sogar über die Mittelzone ragt, oben spitz zulaufender Bogen und Schaft des a bei abendes (Z. 7) oder das salcz (Z. 9) sowie teilweise noch weiter nach links gezogener unterer g-Bogen, so beispielsweise bei in igne (Z. 14) oder ab igne (Z. 15).

Maxi Stolze

Exponat 9: Deutsche Fragmente 60

Bei dem Fragment mit der Signatur Deutsche Fragmente 60 handelt es sich um einen frühneuzeitlichen Gerichtsbrief, der an die Richter und Schöffen des Stadtgerichtes von Neustadt an der Orla adressiert ist (ca. 50 km südöstlich von Weimar gelegen). Der Verfasser ist Otto Steynhaws, welcher sich in einer Streitigkeit um ein Haus im Rittergut Döhlen (bei Neustadt an der Orla) gegen Peter Libstadt wendet, welcher offenbar ebenfalls gegen Steynhaws in dieser Sache klagt. Erwähnt werden auch die Schöffen von Leipzig (zweiter Absatz, Z. 7: die erbaren hochgelarten scheppen zcu Lipczk), welche wohl in dieser Angelegenheit ein Gutachten anfertigten.

Das Fragment besteht aus einem Blatt Papier mit den Maßen 329 x 221 mm, ist also etwas größer als ein Blatt im DIN-A4-Format und ist beidseitig mit schwarzer Tinte beschrieben. Die Ränder sind leicht eingerissen und verschmutzt, der Text jedoch weist inhaltlich Kontinuität auf, d. h. der Brief scheint vollständig erhalten zu sein, von der Anrede bis hin zur Schlussformel auf der Rückseite: vnnd bithe hyrober zu sprechen, was recht ist.

Der Gerichtsbrief ist einer Kursive des beginnenden 16. Jh. mit Ansätzen zur Kurrentschrift verfasst. Mit dieser zeitlichen Einordnung korrespondiert auch der Befund des Wasserzeichens (ähnliche Belege: Leipzig, Anfang 16. Jh.). Die Schrift zeichnet sich durch sehr viele Schlaufen und durch ein lebendigeres und flüssigeres Schriftbild aus, als es bei älteren Formen der gotischen Kursive der Fall ist. Typisch sind ebenfalls die unter die Zeile verlängerten Schäfte von f und s.
Die Schaftbrechungen der gotischen Buchschriften werden bei der Kursive durch schnelles Schreiben abgerundet und die Buchstaben werden nun in einem Federstrich ausgeführt. Dies wird im vorliegenden Schriftbeispiel deutlich bei d, b, h, l und auch beim w, welches zuweilen in einer einzigen Spiralbewegung mit zwei Schlaufen geschrieben wird und wie eine lb-Ligatur aussieht (zweiter Absatz, Z. 3 von unten: antwort). Im Zusammenhang mit dem kursiven Schreiben sind auch die weit ausgezogenen, von links kommenden Anschwünge bei anlautenden Buchstaben zu erwähnen, wie hier etwa bei u, v und n (vorletzte Zeile noch; letzte Zeile vnnd). Erste Ansätze der Kurrente kündigen sich im h an, welches nicht nur in der Oberlänge eine Schlaufe aufweist, sondern auch im Unterbogen (Z. 6 handels). Die Feder wurden beim Ausführen des h also überhaupt nicht mehr abgesetzt – ganz im Gegensatz zu den älteren Formen der gotischen Kursive und der gotischen Minuskel. Ein weiteres Merkmal und gleichsam Indiz für eine moderne Kursive ist, dass rundes r, welches in der Kursive des 1. und 2. Drittel des 15. Jh. lediglich nach o auftritt, hier nun auch nach anderen Buchstaben verwendet wird. Besonders eindrücklich ist dies, wenn wie bei irrung (Z. 6) aufrechtes r direkt neben rundem r steht.

Die Initialen sind im vorliegenden Fragment vergrößert aber nur minimal mit Verzierungen ausgestattet, was dem einfachen kalligraphischen Niveau bei solchen Gebrauchstexten entspricht.

Stefan Wagner

Vewendete Literatur:

Realisierung der Ausstellung

Für die Planung und Realisierung der Ausstellung organisierten sich die Studierenden in den folgenden Arbeitsgruppen:
Konzeptionsgruppe: Marie Bartowsky, Irmela Diedrichs, Patrick Franke, Robert Friedrich, Theresa Rauch, Martin Riebel, Gesa Riedel, Anna Wendt
Textgruppe: Sebastian Gensicke, Kerstin Hülsmann, Franziska Link, Angie-Sophia Richter, Georg Rudek, Maximilian Schwarzkopf, Jessica Sobanski, Maxi Stolze, Stefan Wagner
Öffentlichkeitsarbeit: Marleen Schulz, Sophia Tölle, Sibylle Wuttke

Weitere Beteiligte

Plakatgestaltung: Oliver Sommer
Vitrinengestaltung: Martin Riebel
Flyertext: Sebastian Gensicke, Angie-Sophia Richter
Flyergestaltung: Marleen Schulz, Sophia Tölle, Sibylle Wuttke
Informationstafeln: Robert Friedrich, Martin Riebel, Georg Rudek, Maximilian Schwarzkopf
Öffentlichkeitsarbeit: Caroline Bergter
Redaktion: Ivonne Kornemann, Dr. Christoph Mackert, Katrin Sturm
Realisierung: Restaurierungswerkstatt (UBL) Jörg Graf, Anna Wypych