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Laufzeit

12.07.–10.10.2017

Realisierung

Kurator: Dr. Christoph Mackert
Gestaltung: Lukas Wortmann, Sophia Wulff-Woesten

Ansprechpartner

Öffentlichkeitsarbeit
Mail: oeffentlichkeitsarbeit@ub.uni-leipzig.de
Tel.: +49 341-97 30565

Ein halbes Jahrtausend Handschriften: Geschenkt!

DIE STIFTUNG DER FRAGMENTSAMMLUNG PETER BÜHNER AN DIE UB LEIPZIG

Im Jahr 2015 erhielt die UB Leipzig eine kostbare Schenkung: sechs Pergamentblätter aus mittelalterlichen Handschriften. Die Fragmentsammlung stammt aus dem Besitz des ehem. Mühlhäuser Bürgermeisters Peter Bühner und wurde von einem seiner Vorfahren in der Mitte des 19. Jh. zusammengetragen – offenbar mit einem Händchen für das Besondere. Die sechs Manuskripte bieten einen Querschnitt durch die mittelalterliche Schriftentwicklung vom 11. bis zum späten 15. Jh. und stammen aus verschiedensten Gebieten Europas; mehrere der Blätter überliefern sehr selten bezeugte Texte. Die Ausstellung präsentiert die Sammlung Bühner und ihre Besitzgeschichte und wurde im Rahmen einer Lehrveranstaltung am Institut für Germanistik im Sommersemester 2017 erarbeitet.

Die Ausstellung in der Bibliotheca Albertina ist vom 12.07. bis zum 10.10.2017 täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Der Eintritt ist frei.

Vor wenigen Jahren stieß Peter Bühner aus Mühlhausen, als er den Nachlass seiner Familie sortierte, auf ganz besondere Schriftstücke: sechs mit Hand beschriebene Blätter aus Pergament, die sich als kostbare Reste mittelalterlicher Handschriften erwiesen.

Doch wie kamen solche Zeugnisse in den Besitz der Familie? Die Spuren reichen zurück bis zum Beginn des 19. Jhs. Um das Jahr 1800 hatte sich die Familie Blau in Mühlhausen angesiedelt, deren Mitglieder vor allem handwerkliche Berufe ausführten. So arbeitete Johann Christian Blau als Leinenwebermeister in Mühlhausen, das zwischen 1807 und 1813 zum napoleonischen Königreich Westfalen, danach zu Preußen gehörte. Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden die Handschriftenblätter in der Mitte des 19. Jhs. von seinem Sohn, dem Baumwollfabrikanten Gottfried Adolf Blau (1821–1886), erworben. Dessen Interesse für Literatur und Künste bezeugt ein von ihm selbst gestalteter Gedichtband, den er 1855 anlegte. Auch über die erforderlichen finanziellen Mittel für den Kauf solcher Antiquitäten wird Blau dank seiner großbürgerlichen Stellung verfügt haben.

Nach Gottfried Adolf Blaus Tod müssen die Fragmente an seine Tochter Marie Johanne Blau (1855–1933) weitergegeben worden sein, die mit dem Kaufmann Daniel Wilhelm Bühner verheiratet war. Aus dieser Ehe ging der Chemiker Dr. Gottfried Adolf Bühner (1879–1936) hervor, der in der Stadt Mühlhausen repräsentative Ämter bekleidete. Er und seine Frau Martha Wilhelmine (1889–1979) waren kulturell und sozial in der Stadt engagiert: Sie ermöglichten beispielsweise die Finanzierung eines Kirchenfensters für die Divi-Blasii-Kirche und stifteten Geld für die Erholung bedürftiger Kinder. Die Nachweise für diese Stiftungen wurden im Familienarchiv gemeinsam mit den Handschriftenfragmenten aufbewahrt. Womöglich wussten beide noch über die Herkunft der Fragmente Bescheid, gaben dieses Wissen jedoch nicht mehr an ihren Sohn Heinrich Adolf Bühner (1919–2009) weiter.

So legte erst dessen Sohn Peter Alfred Bühner nach einigen Nachforschungen die Spur der Handschriftenblätter und ihrer Vorbesitzer wieder frei. Im Jahr 2015 stiftete er den wiederentdeckten Familienschatz der Leipziger Universitätsbibliothek, wodurch die Handschriften nun erstmals öffentlich für die Forschung zugänglich sind.

(Sophia Wulff-Woesten)

Die Bühner’sche Fragment-Sammlung ist kein Einzelfall, im Gegenteil. Es gehörte zum Kulturhabitus des Großbürgertums im 19. Jh., Sammlungen von Kunst- und Schriftobjekten anzulegen – noch heute bestehen große Teile der US-amerikanischen Handschriftenbestände aus ähnlichen ehem. Privatsammlungen.

Die 1. Hälfte des 19. Jhs. ist die große Zeit der romantischen Mittelalterbegeisterung. Aufgrund der breiten Nachfrage entwickelte sich schnell ein Mark für den Handel mit alten Handschriften. Vielfach erwarben Händler komplette Handschriften in Buchform z. B. aus aufgehobenen Klosterbibliotheken, zerschnitten diese und verkauften die Einzelblätter. Andere Handschriftenfragmente stammen aus alten Bucheinbänden, wo sie z. B. als Schutzblätter oder als Verstärkungsstreifen dienten. Da das aus Tierhaut gefertigte Pergament ein teures Gut war, wurden nicht mehr benötigte Handschriften schon seit dem Mittelalter regelmäßig makuliert und auf diese Weise recycelt.

Die Handschriftenfragmente der Familie Bühner passen gut zur Sammelpraxis des Kulturbürgertums im 19. Jh. Überwiegend sind die Blätter intakten Handschriften entnommen. Nur zwei Fragmente (2 / 5) dienten als Buchbindemakulatur. Eindrucksvoll ist die große zeitliche und räumliche Streuung, die mit der kleinen Sammlung erreicht ist: Die Fragmente decken wichtige Stationen der Schriftentwicklung vom 11. bis zum 15. Jh. ab und stammen aus verschiedenen Regionen, von Frankreich (2 / 3) über Deutschland (5 / 6) bis nach Italien (1 / 4). Drei der Fragmente überliefern offenbar sehr selten bezeugte lateinische Texte (1 / 3 / 4). Insgesamt vermittelt die Sammlung den Eindruck einer kennerhaften Auswahl.

(Sophie Schröder / Christoph Mackert)

Italien, 4. Viertel 11. Jh. oder frühes 12. Jh.
Ms 1751a

Digitalisat

Dieser bislang nicht identifizierte Text befasst sich mit eschatologischen Themen, also mit Fragen zur Endzeit, zu Fegefeuer und Jüngstem Gericht. Soweit die fragmentarische Überlieferung erkennen lässt, handelt es sich um eine Kompilation von Partien aus autoritativen Texten: Das erhaltene Fragment versammelt Textauszüge aus den ‚Dialogi‘ des Kirchenvaters Gregor (540–604) sowie aus der Schrift ‚De ecclesiasticis dogmatibus‘ („Über die Kirchendogmen“), die im Mittelalter und so auch hier dem Kirchenvater Augustinus (354–430) zugeschrieben wurde, heute jedoch als Text des Priesters Gennadius von Marseille († 496) gilt. Besonders intensiv verwendet wird das ‚Prognosticon futuri saeculi‘ („Vorhersage des kommenden Zeitalters“) – eine eschatologische Schrift, die im gesamten Mittelalter breit rezipiert wurde. Ihr Autor, Julian von Toledo (ca. 652–690), war im 7. Jh. Bischof in Spanien.

Bei der verwendeten Schrift handelt es sich um eine Karolingische Minuskel der Spätphase. Darauf weisen die gegenüber der frühkarolingischen Minuskel gekürzten Oberlängen der Schäfte und der geschlossene g-Bogen hin. Für eine Datierung in eine spätere Phase der Karolingischen Minuskel sprechen auch der aufgerichtete Schaft des a sowie die Gestaltung der s- und f-Schäfte, die in der Regel schon auf oder nur knapp unter der Zeile enden. Anzeichen für eine einsetzende Gotisierung fehlen aber.

Das Fragment kann aufgrund dieser Einordnung auf das das 4. Viertel des 11. Jh. bzw. das frühe 12. Jh. datiert werden. Als Entstehungsort ist Italien anzunehmen. Dafür spricht die vollrunde Form der verwendeten Karolingischen Minuskel und die klare visuelle Unterscheidbarkeit von Haar- und Fleischseite des Pergaments – ein typischer Befund für Pergamenthandschriften aus Italien.

Bei dem Fragment handelte es sich ursprünglich um ein Blatt aus einem Handschriftenband, das als innerstes Doppelblatt einer Lage besonders gut herauszulösen war. Darauf weist die frühneuzeitliche Seitenzählung hin, die zudem auf einen Handschriftenband mit einem Umfang von mindestens 70 Blättern schließen lässt – das Fragment trägt die Seitenzahlen 133 bis 136. Auf Seite 133 findet sich auf dem oberen Rand ein Nachtrag, der in einer halbkursiven Übergangsschrift des frühen 14. Jh. verfasst ist und eine anhaltende Benutzung der Handschrift bis ins Spätmittelalter belegt.

(Christoph Jakubowsky) 

Nordwestfrankreich, 4. Viertel 11. Jh.
Ms 1751b

Digitalisat 

Bei diesem Text handelt es sich um ein Rituale, eine Zusammenstellung von Texten zu den priesterlichen Weihehandlungen. Das erhaltene Fragment überliefert Exorzismen für Wasser, Salz und Brot, die dazu dienen, das Böse aus diesen Grundnahrungsmitteln auszutreiben.

Die verwendete Schrift ist eine späte Karolingische Minuskel. Darauf weisen etwa das Vorhandensein von aufrechtem a und das winklige Umbiegen der Schaftenden von m und n hin – erste Vorboten des Übergangs zu gotischen Schriften. Darüber hinaus weist die Schrift jedoch einige Auffälligkeiten auf: Untypisch für Buchhandschriften sind etwa die weit unter die Zeile verlängerten Bögen von s und f, ein Merkmal, das kennzeichnend für Urkundenschriften ist. Auch das e-caudata („geschwänztes e“) fällt durch eine langgezogene, expressive Form der Cauda auf. Ein archaisches Element, das sich ansonsten eher bei der früheren Karolingischen Minuskel findet, ist die Verwendung der et-Ligatur auch innerhalb von Wörtern. Eine charakteristische Besonderheit stellt schließlich die verwendete g-Form dar, die einen weit offenen und lang unter die Zeile gezogenen Bogen aufweist, während die Karolingische Minuskel ab dem späteren 9. Jahrhundert grundsätzlich eine Tendenz zu geschlossenen und sich verkürzenden des g-Bögen zeigt.

Aufgrund dieses spezifischen Erscheinungsbildes konnte das Fragment auf das letzte Viertel des 11. Jh. datiert werden. Der Entstehungsort liegt vermutlich in Nordwestfrankreich. Dort lässt sich zu diesem Zeitraum die besonders auffällige Form des g nachweisen (freundliche Auskunft von Maria Gurrado und Thomas Falmagne).

Das Fragment stammt ursprünglich aus einer großformatigen, zweispaltigen Handschrift, die wohl im frühen 16. Jh. makuliert und als Buchbindematerial recycelt wurde. Einem Eintrag auf Bl. 2v zufolge war der Band, für den das Fragment damals verarbeitet wurde, im Besitz des Priors Petrus Finalis aus dem Breslauer Augustiner-Chorherrenstift St. Maria auf dem Sande. Wie aus dem Eintrag auch hervorgeht, bildete das Fragment das schützende Vorsatz für eine theologische Druckschrift: das ‚Praeceptorium‘ des Gottschalk Hollen (1411–1481) vom Orden der Augustiner-Eremiten, das unter dem hier genannten Titel 1503 in Nürnberg gedruckt worden war. Die Erstausgabe war 1481 als ‚Praeceptorium divinae legis‘ („Lehre des göttlichen Gesetzes“) in Köln erschienen.

(Christoph Jakubowsky)

Nordfrankreich, 4. Viertel 12. Jh.
Ms 1751c

Digitalisat 

Das dritte Exponat überliefert einen Abschnitt aus dem naturkundlichen lateinischen Traktat ‚Apex Physicae‘. Der Titel bedeutet wörtlich übersetzt „Die Krone der Naturkunde“. Das Werk besteht aus drei Büchern und wurde früher Honorius von Autun (ca. 1080–1150) zugeschrieben – heute jedoch einem anonymen Verfasser. Das vorliegende Blatt stammt aus einer im Norden Frankreichs entstandenen Abschrift, die wohl in das 4. Viertel des 12. Jahrhunderts zu datieren ist.

Vom ‚Apex‘ waren bislang nur drei mittelalterliche Textzeugen bekannt. Diese stammen ebenfalls aus der Zeit zwischen der 2. Hälfte des 12. und der 1. Hälfte des 13. Jhs. Heute sind sie über Bibliotheken in ganz Europa verteilt: von der Biblioteca Apostolica Vaticana (Vatikanstadt) über die British Library (London) bis zur Königlichen Bibliothek Belgiens (Brüssel). Mit dem Einzelblatt der Sammlung Bühner liegt nun ein viertes Zeugnis dieses selten überlieferten Werkes vor. Die handschriftliche Überlieferung gibt insgesamt zu erkennen, dass der ‚Apex Physicae‘ wohl schon bald im 13. Jh. durch aktuellere naturkundliche Werke abgelöst wurde.

Inhaltlich befasst sich der ‚Apex Physicae‘ mit verschiedenen Themenbereichen mittelalterlichen Naturverständnisses. Während die ersten beiden Bücher schöpfungskundlich und naturphilosophisch orientiert sind, beschäftigt sich das 3. Buch (liber tertius), aus dem dieses Fragment stammt, mit naturkundlichen Themen. Auf dem Fragment befinden sich Passagen zur Humoralpathologie, also zur Säftelehre, die ein verbreiteter medizinischer Ansatz der Zeit war und beispielsweise Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte zurückführte.

Das Fragment der Bühner-Sammlung ist ein Einzelblatt, das aus einer intakten Handschrift herausgetrennt wurde. Im Gegensatz zu einem Makulaturfragment wurde das hier vorliegende Pergamentblatt also nicht als Einbandmaterial für ein anderes Buches wiederverwendet.

Bei der Schrift liegt eine frühe Form der Gotischen Minuskel vor: Die Schäfte der Buchstaben enden bereits einheitlich auf der Zeile, weisen am unteren Ende aber einen nur einfachen Umbruch nach rechts oder, wie p, einen Querstrich auf. Auch dass der Bogen von h nur wenig unter die Zeile geführt wird, ist für diese frühe Entwicklungsstufe kennzeichnend. Entsprechend findet sich bei a ein Nebeneinander der moderneren, aufgerichteten Form und der älteren schräg geneigten Ausführung, die aus der Karolingischen Minuskel stammt.

Literatur: Hans Lemke / Gregor Maurach / Sonya Dase, Apex phisice anonymi, in: Abhandlungen der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft 49 (1998), S. 7–80.

(Sophie Schröder)

Oberitalien, 1. Viertel 14. Jh.
Ms 1751d

Digitalisat 

Die Handschrift, aus der dieses Einzelblatt herausgelöst wurde, wird sicherlich in Italien entstanden sein. Das legt nicht nur die Pergamentbeschaffenheit nahe mit ihrem starken Farbkontrast zwischen heller Fleisch- und dunkler Haarseite und den deutlichen Spuren der Haarfollikel, sondern zeigt sich auch an der spezifischen Ausprägung der hier verwendeten Schrift: einer gotischen Textualis, die von den geschmeidig gerundeten, brechungsarmen Formen und geringen Unterschieden in der Druckstärke bestimmt ist, wie sie für Italien typisch sind.

Zu datieren ist die Handschrift wohl ins 1. Viertel des 14. Jhs. Charakteristische Buchstabenformen aus dieser Entwicklungsphase der Textualis, die das Fragment aufweist, sind etwa das doppelstöckige, aus zwei aufeinander gesetzten Bögen gebildete a, das über die Mittelzone hinausragt, oder das g mit dem sehr verkürzten, auf die Zeile hochgezogenen Bogen.

Hinweise zur Identifizierung des Textes liefern zwei rote Überschriften, die auf Vorder- und Rückseite des Blatts jeweils ein neues Kapitel einleiten: De tribus remediis contra avaritiam (Über die drei Heilmittel gegen die Habgier) – De invidia (Über den Neid). Habgier, die auch in den Abschnitten vor der ersten Überschrift thematisiert wird, und Neid sind zwei der sieben Todsünden. Wir scheinen also einen Ausschnitt aus einer Abhandlung vor uns zu haben, die den sieben Todsünden und wie man sie bekämpft gewidmet ist. Tatsächlich stimmt der erhaltene Text im Wortlaut mit einem Todsünden-Traktat überein, der unter dem Titel ‚Heptalogus‘ (Siebener-Werk) im Mittelalter durchaus verbreitet war. Er wird von der Forschung dem englischen Dominikaner Robert Holcot zugeschrieben, der in der 1. Hälfte des 14. Jhs. in Oxford und Cambridge Theologie lehrte.

Ein Problem ergibt sich allerdings aufgrund der Chronologie: Holcot lebte von um 1290 bis 1349, das vorliegende Fragment bezeugt aber eine Rezeption des Textes in Italien schon für eine Zeit, in der Holcot höchstens am Beginn seiner Gelehrtenkarriere stand, eventuell noch nicht einmal mit dem Studium begonnen hatte. Das bedeutet, dass das Bühner-Blatt entweder einen sehr frühen Textzeugen des ‚Heptalogus‘ darstellt oder die Zuweisung an Holcot als Autor des Traktats infragestellt. In beiden Fällen käme dem Fragment eine nicht unbedeutende Stellung für die Textgeschichte des ‚Heptalogus‘ zu.

Literatur: Richard Newhauser / István Bejczy, A Supplement to Morton W. Bloomfield et al. Incipits of Latin Works on the Virtues and Vices 1100–1500 A.D. (Instrumenta patristica et mediaevalia 50), Turnhout 2008, S. 154, Nr. 2300.

(Christoph Mackert)

Deutschland, 1. Hälfte 15. Jh.
Ms 1751e

Digitalisat 

Bei Fragment e handelt es sich um Makulatur, also um den Rest einer aufgelösten Handschrift, deren Pergament als kostbarer Rohstoff wiederverwendet wurde – hier für einen Einbandbezug. Gut erkennbar ist das an den abgegriffenen, etwas dunkleren Kanten innerhalb des helleren Randes, der sich wohl früher umgeschlagen an der Innenseite eines Buchdeckels befunden hat. Auf der helleren Seite des Fragments befinden sich außerdem Papierreste und Abklatschspuren einer gedruckten, also deutlich jüngeren Schrift, die zwischen Fragment und Einbanddeckel-Kern als Kaschierung aufgeklebt war. Ein solches „Recycling“ alter Handschriften für die Buchbindung ist seit dem Mittelalter gebräuchlich und gerade im 16. Jh. sehr häufig.

Von den anderen Fragmenten der Bühner-Sammlung unterscheidet sich Fragment e hauptsächlich dadurch, dass in ihm zwei Aufzeichnungssysteme dokumentiert sind: musikalische Notation und Textschrift.

Das Schriftbild des Textes zeigt eine weit entwickelte gotische Minuskel: Die Buchstaben konzentrieren sich in der Mittelzone, das heißt, die Schäfte reichen weder weit über die Buchstabenkörper hinaus, noch  werden sie weit unter die Zeile gezogen. Alle Buchstabenschäfte brechen sich doppelt auf der Zeile. Der Bogen des kleinen g ist ausgesprochen kurz. Diese Schriftform höchsten kalligraphischen Niveaus wird als Textura bezeichnet. Aufgrund des fortgeschrittenen Entwicklungsstadiums der Textura hier ist als Entstehungszeit die 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts anzunehmen.

Zu dieser Datierung passen auch die seit dem 14. Jh. zunehmend gebräuchlichen Kadellen. So werden die reich verzierten Initialen aus schwarzer Tinte genannt, die sich in mehrere, oft quer zueinander gelagerte Einzelstriche zerteilen und manchmal – wie hier – mit „Profilfratzen“ versehen sind.

Die Gesangsmelodie ist in Quadratnotation verzeichnet. Diese Form verdankt ihren Namen den Noten, die – ohne Hals und als einheitlich ausgefülltes Quadrat – keine Informationen über die Tonlänge enthalten. Wenn hier zwei Quadrate übereinander notiert sind, deutet das nicht auf Mehrstimmigkeit, sondern ist Ausdruck einer bestimmten Tonfolge. Der in diesem Fragment aufgezeichnete Gesang erfolgt also einstimmig, aber im Wechsel, z. B. zwischen Chor und Vorsänger. Der Einsatz der einzelnen Gesänge wird durch die Kadellen visuell ausgezeichnet. Rubriken in roter Tinte (z. B. an/ant = Antiphona) geben an, welches Stück als nächstes zu singen ist.

Die Nennung von Antiphonen, Responsorien (R) und Versus (v) in den Rubriken zeigt, dass das Blatt aus einem Antiphonar stammt. So bezeichnet man eine Handschrift, in der die Gesänge für das klösterliche Stundengebet versammelt sind. Der Bestimmung für den Chorgesang entspricht das große Format, das die Handschrift einst hatte. Den erhaltenen Textpassagen nach zu schließen, enthält dieses Antiphonar-Fragment Gesänge für das Fest Mariä Himmelfahrt.

Literatur: Stefan Klöckner, Handbuch Gregorianik. Einführung in Geschichte, Theorie und Praxis des Gregorianischen Chorals, Regensburg 2010.

(Eva Haude)

Westmitteldeutschland / Mittelrhein (?), 2. Hälfte 15. Jh.
Ms 1751f

Digitalisat 

Handschrift f war Bestandteil eines Breviers aus der zweiten Hälfte des 15. Jhs., das vermutlich aus dem Rheinland stammt. Hinweise auf Entstehungszeit und -ort liefert das Schriftbild: Der Text ist in einer kalligraphischen Bastarda mit zahlreichen Brechungen ausgeführt, die Oberlängen weisen keine Schleifen auf, wodurch eine Nähe zur Hybrida gegeben ist, einer Schriftform, die vor allem im 15. Jh. in den Niederlanden und am Niederrhein gepflegt wurde. Auch die Rechtsneigung des Schriftbildes begegnet in kalligraphischen Hybrida-Schriften.

Ein Brevier (lat. Breviarium) enthält alle Texte für die Durchführung des klösterlichen Stundengebets: Gesänge, Psalmen, Lesungen und Gebete. Hier erhalten sind Textpassagen zur 4. und 5. Woche nach Ostern, was sich z. B. an roten Überschriften wie Dominica quarta post octavas Pasce („4. Sonntag nach der Woche nach Ostern“) erkennen lässt. Die Handschrift, der das Doppelblatt entnommen wurde, dürfte also aus einem monastischen Kontext stammen. Während Lesungen und Gebete hier vollständig wiedergegeben sind (z. B. Bl. 1r/v aus dem Johannes-Evangelium und aus Beda Venerabilis), erscheinen Gesänge wie Antiphonen nur als Kurzverweise (z. B. Bl. 2r Ad v[espera]s a[ntiphona]).

Der Begriff Breviarium leitet sich vom lateinischen Wort brevis (= kurz) ab. Es war durchaus üblich, Breviere auch für die private Andacht zu nutzen, was das handliche Format der Handschrift erklärt. Zum feierlichen Gesangsvortrag selbst beim gemeinsamen Chorgebet wurde im Kloster sicherlich ein großformatiges Antiphonar benutzt (vgl. Exponat 5).

Das Doppelblatt wurde wohl im 19. Jh. aus einem damals noch intakten Handschriftenband ausgelöst. Das passt gut zur Lokalisierung ins Rheinland, da dort ab dem ausgehenden 18. Jh. die Säkularisation der geistlichen Institutionen durchgeführt wurde, wodurch massenhaft Handschriftenmaterial auf den Antiquariatsmarkt gelangte.

(Steffen Kutzner / Christoph Mackert)