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Klosterbibliotheken

Die ostfranzösische Handschrift aus dem 12. Jahrhundert bietet eine Darstellung wissenschaftlicher Fächer. Das Werk gehörte dem Kloster Altzelle und ist im Gefolge der Reformation an die Universität übergegangen. Die Universitätsbibliothek besitzt über 3.000 mittelalterliche Handschriften.

Im Mittelalter hatten Bücher keine Titelseiten. Wo welcher Text begann, musste daher anders ausgezeichnet werden. Auf der hier gezeigten Seite (Slider, Abb. 1) beginnt eine Abschrift des Trostes der Philosophie, einem im Mittelalter weit verbreiteten Werk des spätantiken Philosophen Boethius (gest. um 525 n. Chr.). Der Textbeginn ist mehrfach visuell markiert: durch eine rote Überschrift, in der Autor und Titel genannt werden, durch eine rote sogenannte Silhouetten-Initiale, durch die Schreibung der ersten Zeile des Textes in Großbuchstaben – und vor allem durch die ganzseitig neben die Textspalte gesetzte Darstellung einer gekrönten Frau in prächtiger Deckfarbenmalerei.
Die weibliche Figur stellt die personifizierte Philosophie dar, die in Boethius' Werk dem eingekerkerten Autor erscheint und ihn in einem langen Zwiegespräch durch Belehrung tröstet. Es handelt sich also um eine Titel-Miniatur. Die Malerei präsentiert die Philosophie als Königin mit Krone und Zepter. Vor sich hält sie eine Leiter, deren Sprossen beschriftet sind mit den sogenannten 'Sieben freien Künsten', einem System von Unterrichtsfächern, das jeder Student als Basisausbildung zu durchlaufen hatte. In aufsteigender Reihenfolge sind dies: Grammatik (= Lateinunterricht), Dialektik (= Argumentation), Rhetorik (= Stilistik), Arithmetik (= Rechenkunst), Geometrie (= Vermessungskunst), Musik (= theoretische Harmonielehre) und Astronomie (= Berechnung der Himmelsbewegungen). Die Philosophie bildet die Krönung dieses Studienwegs.
Boethius' Werk war im Mittelalter ein zentraler Text des Schulunterrichts, an dem gehobenes Latein in unterschiedlichen Versmaßen erlernt werden konnte. Auch die hier gezeigte Handschrift stammt aus dem höheren Schulbetrieb, vielleicht eines Klosters oder einer Domschule. Dies ist an dem breiten Zeilenabstand zwischen den Verszeilen zu erkennen, der dicht mit Worterklärungen gefüllt ist. Auf den breiten Rand sind kommentierende Passagen geschrieben.

Die Handschrift entstand in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts wohl in Ostfrankreich, wie die Schriftformen und der Stil der Buchmalerei zeigen. Am ehesten ist an eine Entstehung in der Zeit um 1160–80 im Bereich der Champagne zu denken, einem der intellektuellen Zentren der damaligen Zeit. Hierzu passt, dass auf einem ursprünglich leeren Blatt am Beginn der Handschrift im frühen 13. Jahrhundert ein Bibliotheksverzeichnis eingetragen wurde, das den Buchbesitz einer Schule dokumentiert und einen außerordentlich umfangreichen und hochwertigen Bestand bezeugt. Die Boethius-Handschrift war Teil dieser Kloster- oder Domschulbibliothek.
Im 15. Jahrhundert befindet sich die Handschrift in der Bibliothek des Zisterzienserklosters Altzelle (bei Nossen), dem wohl bedeutendsten Kloster Sachsens mit einer reichen Büchersammlung. Nach der Aufhebung der Klöster im Zuge der Reformation gelangte die Handschrift im 16. Jahrhundert nach Leipzig.

Obwohl die Leipziger Universität bereits 1409 gegründet worden war, gab es bis weit ins 16. Jahrhundert hinein keine universitäre Bibliothek. Lediglich an einzelnen Universitätseinrichtungen wurden im Lauf des 15. Jahrhunderts Büchersammlungen angelegt.
Als 1539 die Reformation in Leipzig eingeführt wurde, erreichte der Humanist Caspar Borner (Slider, Abb. 2) als Universitätsrektor, dass die Universität die Bücher der aufgehobenen Klöster nutzen durfte, um daraus eine zentrale und umfangreiche Büchersammlung aufzubauen: die Geburtsstunde der Universitätsbibliothek Leipzig.
Den Kern der neuen Universitätsbibliothek bildete die bedeutende Büchersammlung des Leipziger Dominikanerklosters – des Paulinerklosters, das der Universität 1543 von Herzog Moritz als ganzes geschenkt wurde. Dazu kamen Bücher aus den anderen Leipziger Männerklöstern, dem Thomasstift und dem Franziskanerkloster. Weitere wichtige Bibliotheken aus Männerkonventen wurden in Auswahl ebenfalls nach Leipzig übergeführt, so die Bestände aus den Zisterzienserklöstern Altzelle (1543) und Buch (1547), von den Benediktinern aus Pegau (1543) und Chemnitz (1544), von den Augustinern vom Lauterberg bei Halle (1543) und von den Dominikanern aus Pirna (1545). Damit wurde die Universitätsbibliothek schlagartig zur größten Bibliothek in Sachsen, die um 1550 etwa 6.000 Drucke und rund 750 Handschriftenbände (das entspricht mindestens 3.000 Werken) zu ihrem Besitz zählte.
Caspar Borner (1492–1547) studierte in Leipzig ab 1507 und lehrte hier ab 1523 Mathematik und Astronomie. Als Rektor begleitete er 1539 die Einführung der Reformation an der Universität und gründete 1543 die Universitätsbibliothek mit Büchern aus vormaligen Klöstern der Stadt.

(Slider, Abb. 3) Die ältesten Bücher, die sich aus dem heutigen Sachsen erhalten haben, stammen aus dem Benediktinerkloster Pegau (30 km südlich von Leipzig), das 1097 gegründet wurde.
Alle diese Handschriften enthalten klösterliche Basistexte wie hier in der Handschrift Ms 332 die Dialogi Gregors des Großen, in denen Heiligenleben und Jenseitsvisionen gesammelt sind. Die Windolf-Handschriften sind verziert mit roten Spaltleisteninitialen und häufig aufgrund des hohen Alters so abgenutzt, dass schon im Mittelalter die Schrift teilweise nachgezogen werden musste.
Im Bestand der UB Leipzig befinden sich vier Pegauer Handschriften, die zur Grundausstattung des Klosters zu zählen sind. Das Kloster erhielt sie durch Abt Windolf, der als eigentlicher Gründungsabt gelten darf.


(Slider, Abb. 4) Die Handschrift Ms 1279 enthält eine umfangreiche Sammlung deutschsprachiger Prosa- und Versdichtungen aus der Zeit um 1465. Alle Texte sind nur hier überliefert. Die Handschrift war das persönliche Handexemplar des Autors und bietet damit einen einmaligen Einblick in literarische Produktionsprozesse im Spätmittelalter: Sie zeigt Texte im Entstehen, in der Bearbeitung und in der Korrektur für die Endfassung. Der Autor war wahrscheinlich Johannes Grundemann, der damalige Propst des Thomasstifts.
Die Seite veranschaulicht gut die zahlreichen Eingriffe des Verfassers in den Text während der Niederschrift. Die Seite stammt aus Grundemanns Übersetzung des Apollonius-Romans, einem spätantiken Reise- und Abenteuerroman.


Ms 1325, fol. 204v (Slider, Abb. 5)
In der Sammelhandschrift Ms 1325 sind die berühmten Pegauer Annalen überliefert, die wichtigste Geschichtsquelle für die historischen Vorgänge im 11. und 12. Jahrhundert im mitteldeutschen Raum. Die Pegauer Annalen beginnen mit einem ausführlichen Bericht über das Leben und die Taten Wiprechts von Groitzsch, der ab 1070 zu einem der mächtigsten Adligen im Osten des deutschen Reichs wurde. Auf der hier gezeigten Seite wird unter anderem von der Geburt der beiden Söhne berichtet, die aus der Ehe von Wiprecht mit der böhmischen Königstochter Judith hervorgingen. Dieser Teil der Handschrift entstand um 1150. Der Codex stammt aus dem Benediktinerkloster Pegau, das Wiprecht gegründet hat.


(Slider, Abb. 6) Die Universitätsbibliothek besitzt neun großformatige Pergamenthandschriften aus der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts, die Bibeltexte oder Bibelkommentare enthalten und durch ihren erlesenen Initialschmuck miteinander verbunden sind. Die qualitativ hochwertige Buchmalerei stammt von einem unbekannten oberitalienischen Künstler, der sowohl südlich als auch nördlich der Alpen für verschiedene Auftraggeber tätig war.
Die hier gezeigte Seite enthält den Beginn des biblischen Buches Esther. Der groß geschriebene Text ist der Prolog (eingeleitet mit der großen L-Initiale) und der eigentliche Bibeltext, der bei der bebilderten I-Initiale beginnt. In kleinerem Schriftgrad ist die 'Glossa ordinaria', ein weit verbreiteter Bibelkommentar, neben den Text gesetzt. Die I-Initiale zeigt in drei Streifen die Geschichte Esthers bis zur Erhängung des persischen Regierungsbeamten Haman, der die jüdische Bevölkerung auslöschen wollte.
Die Leipziger Handschriften sind vermutlich für Mitglieder des schlesischen Hochadels entstanden. Aus Breslau dürften sie im mittleren 15. Jahrhundert an das Leipziger Thomasstift gelangt sein.


(Slider, Abb. 7) In der Zeit um 1460-1480 war in Leipzig eine hochrangige Buchmalerwerkstatt aktiv, die als Pfauenwerkstatt bezeichnet wird, weil sie häufig Pfauendarstellungen in ihrem prächtigen Rankenschmuck verwendete.
Die hier gezeigte Seite bildet die Eingangsseite zu einer Handschrift mit der Summa contra gentiles [Gegen die Heiden] des bedeutenden Dominikanertheologen Thomas von Aquin (um 1225–1274). In der figürlich geschmückten Initiale ist Thomas von Aquin als Lehrer mit einem Bücherpult dargestellt, der vom Heiligen Geist in Gestalt einer Taube seine Inspiration erhält. Vor ihm sitzt ein Ordensschüler. Der Malstil mit den Feldinitialen und den ablaufenden Akanthusranken ist ebenso wie die helle, leuchtende Farbigkeit von der böhmischen Buchmalerei beeinflusst.
Die Handschrift dürfte aus der Bibliothek des Leipziger Dominikanerklosters stammen.

Christoph Mackert: Die Bibliothek des Augustinerchorherrenstifts St. Thomas, in: 3 x Thomas. Die Bibliotheken des Thomasklosters, der Thomaskirche und der Thomasschule im Laufe der Jahrhunderte, hg. v. Thomas Fuchs und Christoph Mackert (Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Bibliotheca Albertina vom 18. Oktober 2012 – 20. Januar 2013, Schriften aus der Universitätsbibliothek 27), Leipzig 2012, S. 9-36 
Christoph Mackert: Die Leipziger Textsammlung Ms 1279 und die Schriftproduktion eines Leipziger Augustinerchorherren im mittleren 15. Jahrhundert, in: Wolfram-Studien XXII. Finden – Gestalten – Vermitteln. Schreibprozesse und ihre Brechungen in der mittelalterlichen Überlieferung. Freiburger Colloquium 2010, hg. v. Eckart Conrad Lutz u. a., Berlin 2012, S. 219-263 und Abb. 21-30