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Ratsbibliothek

Dieser frühe Druck einer deutschen Bibel (in Nürnberg bei Anton Koberger 1483) gelangte als Schenkung des Ratsherrn Georg Wolf um 1700 in die Leipziger Ratsbibliothek, die 1677 errichtet wurde. 1832 in Stadtbibliothek umbenannt, brannte sie 1943 ab. Ihre geretteten Schätze befinden sich seit 1962 in der Universitätsbibliothek.

Die Abbildung (Slider, Abb. 1) illustriert den Textbeginn des 31. Kapitels des 2. Buch Mose (Exodus). Gott verweist darin Moses auf die Handwerker Bezalel und Oholiab, die für die Anfertigung von Geräten und Bauten eingesetzt werden sollen. Der Holzschnitt zeigt beide schon fleißig. Im Vordergrund sieht man die Bundeslade, für die gerade Beschläge geschmiedet werden. Über den Köpfen der Männer stehen ihre Namen in der Form 'OOLIAP' und 'BEZELEEL'. Da die Holzschnitte ursprünglich für die Kölner deutsche Bibel (gedruckt 1478) angefertigt wurden, findet man die Namen in der niederrheinischen Aussprache.
Ein großer Teil der Auflage der Bibel wurde schon in den Werkstätten Kobergers koloriert. Vergleicht man verschiedene Exemplare, findet man zwar ähnliche Ausmalungen, die aber nie ganz gleich sind. So sind die Zelte rechts im Bildhintergrund beim Leipziger Exemplar weiß gelassen, nur einige farbige Ringe verzieren die spitzen Zeltdächer. In anderen Exemplaren sind die Zelte ganz farbig oder farbig mit Ringen, wobei die Farben von Fall zu Fall wechseln.
Unmittelbar unter dem Holzschnitt in der linken Spalte beginnt das Kapitel mit 'Und der herr redt zu'. Die kleinen 'd' (z. B. in 'der') haben eine so stark in sich verschlungene Oberlänge, dass sie eigentlich mehr der Zahl '8' ähneln. Diese ausgeprägten Oberschlingen sind ein Merkmal der sogenannten Oberrheinischen Schrifttype, die sich Koberger bei der Gestaltung seiner Type zum Vorbild nahm.
Das große 'U' des Kapitelanfangs wurde vom sogenannten Rubrikator (frei übersetzt 'Rotmacher') nachträglich eingeschrieben. Gut ist zu erkennen, dass der Rubrikator jeden Satzanfang mit einen kleinen roten senkrechten Strich deutlich macht. Vor der Kapitelzählung (rechte Spalte über dem Holzschnitt) hat er ein Alinea-Zeichen (a linea = von der Zeile weg) gesetzt. Dieses Zeichen wurde ursprünglich von mittelalterlichen Schreibern verwendet, um in einer fortlaufenden Zeile kenntlich zu machen, dass ein neuer Absatz beginnt, ohne eine neue Zeile zu schaffen. Im vorliegenden Bibeldruck beginnt das Kapitel mit einer neuen Zeile, so dass das Alinea-Zeichen eher Zierde ist.

Der Nürnberger Druckerverleger Anton Koberger besaß Ende des 15. Jahrhunderts die leistungsfähigste Druckwerkstatt in Deutschland. Angeblich soll sie mit 24 Pressen ausgestattet gewesen sein. Kobergers 1483 mit großem Aufwand gestaltete deutschsprachige Bibel ist die zehnte gedruckte frühneudeutsche Bibel seit der Erfindung des Buchdrucks. Alle diese Bibelausgaben veralteten später durch Luthers Bibelübersetzung. Kobergers Bibel ist mit 109 Holzschnitten ausgestattet, meist koloriert. Bis heute haben sich etwa 180 Exemplare dieser Bibel in den Bibliotheken der Welt erhalten.

(Slider, Abb. 2, 3) Das Leipziger Exemplar der Koberger-Bibel trägt folgenden alten Besitzvermerk: '1685 Georg Wolff, Alter Bürger in leipzigk, ältester Wexels Sensal, und der Kramer Innung Senior.' 'Sensal' ist eine alte Bezeichnung für den Beruf des Maklers. Georg Wolf vermittelte Kredite (Wechsel), war nicht nur Kramer (Einzelhändler) sondern auch so etwas wie ein Börsianer. Um 1700 schenkt Georg Wolf die Bibel der Leipziger Ratsbibliothek. Diese Bibliothek geht auf eine Stiftung des Huldreich Groß, seines Zeichens Advokat am kurfürstlichen Oberhofgericht zurück. Er vermachte 1677 der Stadt seine private Büchersammlung (rund 4.000 Bände) und Geldmittel zur Einrichtung einer öffentlichen Bibliothek. Diesem Vorbild folgend schenkten zahlreiche Bürger Leipzigs der in Entstehung begriffenen Ratsbibliothek als Zeichen der Verbundenheit (und des vorzeigbaren persönlichen Wohlstandes) kostbare Drucke und Handschriften – auch Georg Wolf.
Im August 1711 wurde die Leipziger Ratsbibliothek feierlich für das Publikum geöffnet. Die Bibliothek war außer zu den Messezeiten mittwochs und sonnabends von zwei bis vier Uhr geöffnet und hatte einen Umfang von 14.000 Bänden. Die Büchersammlung wuchs schnell, so dass die Ratsbibliothek 1755 in das Gewandhaus umziehen musste. Dort blieb die Bibliothek, bis sie im Dezember 1943 während eines Luftangriffs auf Leipzig ausbrannte. Der größte Teil des Altbestandes wurde vernichtet. Nur die Handschriften und Inkunabeln (= frühe Drucke vor 1501) und einige Sonderbestände wurden gerettet und 1962 als Depositum der Universitätsbibliothek übergeben, darunter ca. 1.800 Handschriften, 690 Inkunabeln, ca. 14.000 Autografen, eine Sammlung Leipziger Drucke des frühen 16. Jahrhunderts und die Bibliothek der 'Deutschen Gesellschaft' aus dem 18. Jahrhundert.

Alexanderroman, Pergamenthandschrift aus Süditalien, 13. Jahrhundert (Slider, Abb. 4)
[Rep. II, 143; Bl. 103v]
Das Leben des makedonischen Königs Alexander, der innerhalb weniger Jahre ganz Westasien eroberte, wurde schon frühzeitig literarisch aufgearbeitet. Mit zahlreichen Legenden verwoben wurde der sogenannte Alexanderroman zu einem abenteuerlichen Reisebericht und einer der beliebtesten Lesestoffe des Mittelalters.
Die Abbildung zeigt, wie phantasievoll sich der Schöpfer der Miniaturen die Fabelwesen und seltsamen Völker vorstellte, denen Alexander auf seinen Heerzug ins ferne Indien begegnet sei.
Das Exemplar des Alexanderromans, der zu einem unbekannten Zeitpunkt in den Besitz der Leipziger Ratsbibliothek kam, ist unter allen überlieferten Handschriften eine der wertvollsten, besonders durch die Qualität und Vielzahl der Abbildungen. Es sind insgesamt 167 Miniaturen, die im laufenden Text eingebettet sind. Dieser Text folgt einer spätantiken Vorlage, die wohl über Byzanz nach Süditalien gelangt war, woher die Handschrift höchstwahrscheinlich stammt.


Ars Moriendi [Sterbekunst], Leipzig: Kachelofen, um 1495/1498 (Slider, Abb. 5)
[Lib. sep. 5132; Bl. 11]
Ein im Spätmittelalter besonders beliebtes Genre der Frömmigkeitsliteratur war die 'Ars moriendi', die Sterbekunst, die den Gläubigen darauf vorbereitete, auch in den letzten Stunden Gottvertrauen und fromme Zuversicht zu bewahren. Eine beliebte Version dieser Literatur waren bebilderte Bücher, bei denen ganzseitige Holzschnitte die Ermahnungen des Textes illustrierten.
Die Holzschnittfolge wird durch Abbildungen des Abendmahls und der Beichte eingeleitet, dann folgen die Darstellungen der fünf Versuchungen und der fünf Tröstungen, die dem Sterbenden auf dem Totenbett widerfahren. Die vierte Versuchung betrifft die Ruhmsucht, den geistlichen Hochmut des Kranken, der sich auf vermeintliche Verdienste bezieht und glaubt, dadurch vor dem Gericht Gottes bevorzugt zu sein. Im Holzschnitt wird diese Versuchung durch Teufelsgestalten, die dem Sterbenden Kronen darbieten, verdeutlicht.
Der Leipziger Drucker Kachelofen brachte zwischen 1495 und 1500 insgesamt sieben Auflagen dieses bebilderten Buches heraus. Die hohe künstlerische Qualität der Holzschnitte macht dieses Werk zu einem Höhepunkt der Holzschnittillustration in Leipzig um 1500.


Evangelistar, Pergament aus Reichenau, spätes 9. Jahrhundert (Slider, Abb. 6)
[Rep. I, 57; Bl. 10r-3]
Diese Handschrift enthält die im Gottesdienst zu lesenden Evangelientexte. Sie stammt aus dem Benediktinerkloster Reichenau, bekannt für sein Skriptorium [Schreibstube]. Das Kloster wurde im Jahre 724 gegründet. Die Buchmalerei des Klosters Reichenau wurde in das Weltdokumentenerbe aufgenommen.
Das Evangelistar, das im Jahre 1743 zum ersten Mal im Besitz der Leipziger Ratsbibliothek erwähnt wird, ist reich mit Buchmalerei geschmückt. Die Abbildung zeigt den Beginn des Johannesevangeliums. Das erste Wort des Evangeliums, das 'In' des 'In principio erat verbum' [Am Anfang war das Wort], ist in monumentaler Form in einem Architekturrahmen in Flechtbandtechnik ausgeführt.
Der kostbaren Buchmalerei angemessen ist der Einband des Evangelistars mit einem byzantinischen Elfenbeinrelief mit Maria und dem Kind verziert.


Ars memorandi, Blockdruck aus Süddeutschland: Unbekannter Drucker, um 1465 (Slider, Abb. 7)
[Rep. II, 115; Bl. 17]
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts gab es sogenannte Blockdrucke. Die ganzseitigen Holzschnitte brachten nicht nur bildliche Darstellungen, sondern auch dazugehörigen Text. Bild wie Text wurden in den hölzernen Druckstock geschnitten. Da die Druckstöcke schnell abgenutzt waren, erlaubte diese Art der Vervielfältigung nur geringe Auflagen. Die Technik konnte sich nicht gegen den zeitgleich entwickelten typographischen Buchdruck durchsetzen.
Blockdrucke sind nur in wenigen Exemplaren überliefert und sind schon immer besonders begehrte Sammelobjekte. Die Leipziger Ratsbibliothek besitzt zwei dieser seltenen Drucke, neben einer Armenbibel auch eine 'Ars memorandi' [Gedächtniskunst].
Dieses Buch erläutert, wie man sein Gedächtnis verbessern kann, etwa durch den Einsatz von Bildern. So ist in der Abbildung ein Gedächtnisbild für das Matthäusevangelium zu sehen. Die zentrale Gestalt des Bildes ist ein Engel, Symbol für den Evangelisten Matthäus. Die mit Zahlen versehenen Gegenstände, von denen der Engel umrahmt wird, beziehen sich auf die einzelnen Kapitel des Matthäusevangeliums. Das Kapitel 19 beschäftigt sich mit der Ehe, daher die Abbildung der sich vereinigenden Hände. Das Kapitel 20 erzählt das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, daher die Weintraube. Das Kapitel 21 berichtet vom Einzug Jesus in Jerusalem, daher der Eselskopf.


Valerius Maximus: Factorum dictorumque memorabilium libri IX [Geschehens und Erinnerungswürdiges in neun Büchern], Pergamenthandschrift aus Flandern, um 1480 (Slider, Abb. 8)
[Rep. I, 11b; Bl. 72a]
Die Sammlung von Fakten und Anekdoten zur römischen Geschichte, die Valerius Maximus im ersten Jahrhundert angelegt hatte, waren ein beliebter Lesestoff im Humanismus, als man sich an der Antike orientierte. Zahlreiche Handschriften haben das Historienwerk überliefert, das früh auch schon im Druck vervielfältigt wurde.
Das Exemplar der Ratsbibliothek ist eine Prachthandschrift, die in Flandern, wahrscheinlich in Brügge, angefertigt wurde. Jedes der neun Bücher wird mit einer Miniatur eingeleitet. Die Miniatur des 6. Bandes zeigt den Tod der Lucretia. Sie war vergewaltigt worden. Obwohl ihr Mann und ihr Vater sie von Schuld freisprachen, begeht sie wegen ihrer Entehrung Selbstmord.
In der Renaissance war der Tod der Lucretia ein weit verbreitetes Bildmotiv. Während sich aber in den meisten Gemälden Lucretia einen Dolch in die Brust stößt, lässt sich die Lucretia auf der Miniatur in ein Schwert fallen.