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Gefördert durch 

Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Fördermaßnahme "Die Sprache der Objekte – Materielle Kultur im Kontext gesellschaftlicher Entwicklungen"

Projektlaufzeit

2018–2021

Projektleiter (Teilprojekt B)

Prof. Dr. Ulrich Johannes Schneider

Verbundprojektpartner

(Teilprojekt A:) Prof. Dr. Nicole C. Karafyllis, Seminar für Philosophie, TU Braunschweig; (Teilprojekt C): Prof. Dr. Jörg Overmann, Leibniz-Institut Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSMZ), Braunschweig

Projektwebsite

(wird erstellt)

Mikroben als Sonden der Buchbiographie: Kulturwissenschaftliche Objektstudien zu spätmittelalterlichen Sammelbänden im Bestand der Universitätsbibliothek Leipzig

Teilprojekt B (LIBER) im Verbundprojekt "Kontamination und Lesbarkeit der Welt: Mikroben in Sammlungen zur Sprache bringen"

Kontamination und Lesbarkeit der Welt: Mikroben in Sammlungen zur Sprache bringen (MIKROBIB)

Das geplante Verbundprojekt ist interdisziplinär zwischen Philosophie, Mikrobiologie und Kulturwissenschaft angesiedelt. Es analysiert die "Sprache der Mikroben" sowie ihre verschiedenen Grammatiken in Sammlungen und soziokulturellen Aushandlungsprozessen um Kulturgüter. Wir setzen beim konservatorisch-hygienischen Vorurteil an, dass Mikroben Feinde der Sammlung und somit per se zu vernichten seien. Zudem stellen wir in Frage, dass die Metapher der "Lebensdauer" des Kulturguts sich auf tote Objekte und somit Totsammlungen (hier: die Universitätsbibliothek Leipzig, UBL) beziehen muss. Deshalb dient sammlungstheoretisch eine Lebendsammlung (hier: die Mikrobenbank DSMZ) als Antithese. Als Reflexionsgegenstand und empirisches Objekt steht das alte und kontaminierte Buch im Fokus. Es werden mikrobiologische Analysen von spätmittelalterlichen Sammelbänden (ca. 1250-1500 n. Chr.) im Bestand der UBL vorgenommen und mit buchbiographischen Untersuchungen kombiniert. Die Aussagen werden zu verschiedenen Lesbarkeiten der "Welt als Buch" (qua Tot- und Lebendsammlung) philosophisch und wissenstheoretisch in Bezug gesetzt. Dabei soll die Mikrobe im Buch – gegen die Idee der zerstörerischen Kontamination – als Teil des Kulturguts verstehbar werden und Innovationspotenzial generieren.

Das kulturwissenschaftliche Teilprojekt B untersucht die Mikrobe als buchbiographische Sonde und setzt am Vorurteil an, dass Zeichen, Schrift und Text immer schon sind und nicht erst verfasst, versammelt und angeordnet werden müssen; aber auch: gelesen werden müssen, wenn die im Buch erzeugte Welt Sinn ergeben soll. Wir gehen davon aus, dass für gesellschaftliche Aushandlungsprozesse um Wissensordnungen das Buch und die Bibliothek weder konzeptuell noch materiell hinfällig sind. Um dies in die Anschauung zu bringen, wollen wir nicht, wie oft vorgebracht, mit besorgtem Hinweis auf die "gefährdete Bibliothek" vorgehen, sondern Umordnungen von Wissensordnungen und -kulturen wagen. Dies geschieht im Rahmen von objektspezifischen Studien an mittelalterlichen Sammelbänden aus dem Bestand der UBL.

Mit ca. 3.000 selbständigen Signatur-Einheiten gehört der Bestand mittelalterlich-abendländischer Handschriften der UBL zu den größeren in Deutschland. Er besteht aus ca. 2.200 Codex- und ca. 800 Fragmentsignaturen. Im Gegensatz zu anderen vergleichbar großen Sammlungen hat der Bestand niemals konzertierte Neubindungen erlebt. Eine Auszählung des Kernbestands hat ergeben, dass 75% mittelalterliche Originalbindungen vorliegen (ca. 950-1.000 Stück). Hierbei sind bereits alle Einbände herausgerechnet, die Gegenstand von invasiveren Restaurierungsmaßnahmen waren oder zur Schimmelbekämpfung radioaktiv bestrahlt wurden. Meist handelt es sich um Holzdeckeleinbände (oft mit Relikten von Insektenbefall) mit Lederbezug, selten begegnen flexible Bindungen aus Pergament- oder Lederhüllen (Kopert-Einbände). Die Handschriften stammen aus den Bibliotheken von Klöstern des albertinischen Sachsen, die ab 1539 säkularisiert wurden; ferner aus den Büchersammlungen, die sich an der Universität Leipzig seit deren Gründung 1409 unsystematisch herausgebildet haben.

Das kulturwissenschaftliche Teilprojekt B hinterfragt die konservatorische Kategorie der "buchfeindlichen Organismen" und erarbeitet an mittelalterlichen Sammelbänden im Bestand der UBL objektspezifische Buchbiographien. Ein Fokus liegt dabei auf der Einbandforschung. Mit TP C wird dann ein milieuspezifischer Katalog von im Buch aufgefundenen Organismen erstellt und die Frage bearbeitet, inwieweit die Mikrobe als buchbiographische Sonde dienen kann. Dabei wird die DSMZ als Referenzsammlung genutzt. Die Sichtbarmachung der (idealerweise) aufgefundenen Biodiversität im Buch lässt es einerseits als Biotop verstehen, problematisiert aber auch die disziplinären Grenzen von Buchpathologie, Buchbiographie und Archäomikrobiologie, was kulturwissenschaftlich analysiert wird. Im Austausch mit v.a. TP A wird die technisch vermittelte Grenze einer "Reinigung der Mikrobe" (als Reinkultur in der Lebendsammlung) versus einer "Reinigung [des Objekts Buch] von der Mikrobe" kritisch thematisiert und damit Aushandlungsprozesse von Natur-Technik-Kultur-Verhältnissen. Dabei soll an Hygiene-Diskurse zum Buch angeknüpft werden, die Leser wie Bibliothekar zu Opfern und Tätern der Infektion/Kontamination machen.